Michael Ramminger: Laizität: Über einen neuerdings erhobenen unkritischen Ton über die Aufklärung

Die Trennung von Kirche und Staat, also Säkularisierung oder Laizismus, um die es hier geht, stammen aus der Zeit der bürgerlichen Revolution, also aus einer Zeit, in der noch hoch erhobenen Hauptes in Frankreich die Losung „liberté, egalité, fraternité“ ausgegeben werden konnte. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden zu gesellschaftlichen, gar staatlichen Angelegenheiten; alles andere, also auch die Religion, sollte deshalb im Namen von Vernunft und Humanität gefälligst Privatanliegen sein. In der deutschen, hegelschen Variante war der Staat die höchste sittliche Instanz, das Vernünftige an sich. Damit war zumindest partiell die unheilige Allianz von Thron und Altar zerbrochen: Die bürgerliche Klasse hatte im Namen der Vernunft einen Sieg gegen das feudale Bündnis aus Kirche und Adel errungen, war ihren Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein Stück näher gekommen. Zwar hatte deren Glanz schon schnell ein paar Kratzer bekommen, als nämlich deutlich wurde, dass die fraternité die Schwestern und die egalité die Farbigen in den Kolonien ausgeschlossen hatte. Aber immerhin: der Einfluss der feudalen Kirche war zurückgedrängt und ein Prozess in Gang gesetzt, in dem „die Religionen zu einer Reflexion auf ihre nicht-exklusive Stellung innerhalb eines vom wissenschaftlichen Profanwissen begrenzten und mit anderen Religionen geteilten Diskursuniversums genötigt….“ wurden. (Habermas 2002: 169)

Ein neutraler Staat?

Diese Geschichte hat also tatsächlich die Trennung von Kirche und Staat vorangebracht und vor allem dem Katholizismus ein gehöriges Maß an Selbstreflexivität abverlangt. Aber wie eigentlich kann man auf die Idee kommen, dass dies einem Staat als „weltanschaulich neutraler Instanz“ zugemutet werden kann, wie Habermas schreibt: „Erst dieser kognitive Schub hat religiöse Toleranz und die Trennung der Religion von einer weltanschaulich neutralen Staatsgewalt möglich gemacht ….?“

Habermas selbst muss zugeben, dass gerade angesichts der Konjunktur von Religion z.B. im politischen Islam auch selbstkritisch gefragt werden muss, ob die andere Seite der „Wiederkunft der Religionen“ nicht eine „normative entkernte Moderne“ ist. Nur reicht selbst diese nachdenkliche Frage nicht aus, dem Grundproblem selbst auf die Spur zu kommen. Denn der normative Kern der sog. Moderne lässt sich wohl kaum von den oben genannten Defiziten im Blick auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit/ Solidarität trennen, ja man könnte sogar den Verdacht hegen, dass Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus, gar Faschismus auch zu diesem normativen Kern des so wohl nur vermeintlich weltanschaulich neutralen, laizistischen Staat gehören.

Angesichts dieser Implikationen hatte schon die politische Theologie der siebziger Jahre skeptisch eingewandt: „Schwer durchschaubar ist die abstrakte Geltung des ‚Subjekts‘, d.h. die Rede über ‚den‘ Menschen und seine ‚Vernunft‘, ‚Autonomie‘, ‚Freiheit‘ etc.“ (Metz 1977: 29). Sie hatte damit – auch daran sei hier erinnert – an die Überlegungen zum instrumentellen, mythologischen und herrschaftlichen Charakter der aufgeklärten Vernunft durch die Frankfurter Schule angeschlossen.

Wie war das noch mit Marx?

Als Linke sollten wir uns auch an Marx erinnern, der darauf insistiert hat, dass der bürgerliche Nationalstaat gerade nicht „weltanschaulich neutral“, sondern vielmehr ein bürgerlicher Klassenstaat ist, der in seinem „normativen Kern“ ein spezifisches Interesse trägt: Nach Marx nimmt der bürgerliche Staat „die erste ideologische Macht über den Menschen“ ein, der erst danach „Recht, Religion, Philosophie usw.“ (MEW 21: 302) folgen. Denn der Staat hatte die Funktion „illusorische Gemeinschaftlichkeit“ (MEW 3: 33) zu erzeugen, übernommen. Das scheint mir, mit einigen Abstrichen, immer noch zu gelten. Von einem solchen ideologiekritischen Standpunkt her, so bedauerlich es auch um der Sache der Menschheit willen ist, muss man einen Laizismus, der auf den Staat setzt, dann wohl doch auch auf seine Weltanschauungsgehalte hin überprüfen. Ja, es mutet dann sogar zynisch an, wenn im Antrag der Linken aus Sachsen auf dem Bundesparteitag 2016 die Hoffnung auf Brüderlichkeit/ Solidarität verschwindet und stattdessen Laizität zur Staatsraison erhoben werden soll.

Weltanschauung

Religion jedenfalls als Privatsache, die „Vernunft“ aber als öffentliche Angelegenheit und den Staat zum Wohle der Menschheit als Moderator der unter-schiedlichsten „Weltanschauungen“ zu propagieren, hatte wohl im 17./ 18. Jahrhundert seine Berechtigung, ist aber heute – gelinde gesagt – ein Tritt in den Arsch der Geschichte. Und man ist spontan geneigt, zu sagen: „Gott bewahre uns“ vor einem solchen gesunden Menschenverstand, wie wir ihm im aktuellen Laizismus begegnen. Er ist nichts anderes als seinerseits eine „Weltanschauung“, die nicht begriffen hat, dass der Staat nicht „weltanschaulich neutral“ ist, und die Vernunft, der Humanismus usw. vor ihrem historischen Desaster einen ganzen Batzen ihrer Legitimation verloren haben. Laicité statt Solidarität ist mindestens angesichts neoliberal-kapitalistischer Klassenstaaten keine erfreuliche Zukunftsaussicht. Mir erschließt sich jedenfalls der Enthusiasmus im Blick auf einen „weltanschaulich-neutralen Staat“ weder historisch noch in Sache. Aber selbst, wenn wir mal den Staat als großen Moderator und Schützer eines vernünftigen Humanismus unterstellen: wie kommt man dann auf die Idee, dass sich die bundesdeutschen Volkskirchen substantiell von Sportvereinen, ADAC, Selbsthilfegruppen und ähnlichem unterscheiden und gerade sie eine große Gefahr für die Zukunft der Menschheit darstellen, die eingehegt werden müssten? Was ist mit Lobbygruppen aus Pharmaindustrie, Waffenproduktion oder Energiewirtschaft?

Kult der Vernunft – culte de la raison

Man merkt, wir werden schon in der Sache diskutieren müssen und nicht auf der Basis laizistischer Weltanschauung und culte de la raison. Das wäre wirklich ein Rückfall hinter die Einsicht notwendiger Selbstreflexivität und begrenzter Reichweite des eigenen Diskursuniversums, der selbstverständlich auch der Laizismus unterworfen ist. Dieser Einsicht haben sich im Übrigen die Kirchen zum größten Teil seit der Aufklärung gestellt, wie ein Blick in ihre Dokumente zeigt: Gewissensfreiheit, Menschenrechte, die Autonomie politischen Denkens und Handelns etc., all das gehört zum Bestand kirchlicher Grundeinsichten. Dass es damit allzu oft hapert, unterscheidet die Kirchen nun wirklich nicht von anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Ich persönlich bin übrigens aus ganz anderen Gründen für eine stärkere Trennung von Kirche und Staat. Die Einhegung der Kirchen durch die bürgerlich-kapitalistische Klassengesellschaft führt nämlich dazu, dass die emanzipatorischen Potentiale des Christentums kaum zur Geltung gebracht werden können. Aber da kann ich mir mit einem weltanschaulichen Laizismus, der in einem naiven Aufklärungspathos verharrt und ein erhebliches Maß an mangelnder Selbstreflexivität aufweist, keine Allianzen vorstellen.

Literatur

Habermas 2002: Jürgen Habermas, Fundamentalismus und Terror, in Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 2/2

Metz 1977: Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, Mainz

MEW 21: Marx-Engels-Werke (MEW 21): Band 21, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1979, Berlin [Erstveröffentlichung: 1888]

MEW 3: Marx-Engels-Werke (MEW 3): Band 3: Deutsche Ideologie, 1958, Berlin [Erstveröffentlichung 1932, geschr.: 1845-46]

Michael Ramminger, Dr. theol., Mitarbeiter am Institut für Theologie und Politik in Münster / Westf.

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