Kuno Füssel: Warum der Religionsunterricht unverzichtbar bleibt – ein zorniges Plädoyer

Die juristische Absicherung der Präsenz des Religionsunterrichts als ordentliches Schulfach an öffentlichen Schulen ist in der BRD ein Faktum. Wer dieses ändern möchte, kann die gebotenen Wege beschreiten und die Aufkündigung des Konkordates betreiben. Ich persönlich würde diesem Vertrag nicht nachtrauern. Der bekenntnisgebundene Religionsunterricht ist zudem auch als einziges Schulfach überhaupt im Grundgesetz und nahezu allen Länderverfassungen verankert.

In den letzten Jahren mehren sich jedoch Stimmen, die für sich das Etikett „laizistisch“ beanspruchen, die den Einfluss von Religionen und Kirchen auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse rigoros zurückdrängen möchten. Diese Problematik und ihre Berechtigung können hier nicht adäquat diskutiert werden. Eine polemische Bemerkung kann ich mir jedoch nicht verkneifen. Ich interpretiere den Laizismus als direkte Negation des Klerikalismus, dessen Borniertheit er daher teilt, weswegen er auch entsprechend behandelt werden muss. Ich erachte beide als wenig hilfreich für die Entwicklung einer aufgeklärten und humanitären Gesellschaft, vor allem ärgert mich die permanente Verwechslung der marxistischen Religionskritik mit der Artikula tion von antireligiösen Ressentiments, woher sie auch immer kommen mögen.

Meine Kernfrage lautet: Wozu braucht man heute noch einen konfessionell gebundenen Religionsunterricht als ordentliches, und nicht nur fakultatives Schulfach? Wäre es da nicht besser Religionskunde anzubieten oder Ethik als Grundlegung staatsbürgerlichen Wohlverhaltens zu lehren oder gar eine umfassende Therapie für die durch eine unfähige staatliche Bildungspolitik systematisch gequälten Seelen der auch von ihren neuesten Apps im Stich gelassenen Schülerinnen und Schüler einzurichten?

Ich bin immer noch von der Notwendigkeit des ordentlichen SchulFaches Religion überzeugt. Dazu brauche ich keine theologischen oder ideologischen Begründungskunststücke vorzuführen. Ich habe entsprechende langjährige positive Erfahrungen gerade auch in der Berufsschule.

Als überzeugter „alter“ Religionslehrer biete ich eine dreistufige, in wachsender Abstraktheit fortschreitende Begründung an.

a) Für mich war immer wichtig und ich wage es, dies zu verallgemeinern, dass gerade ein christlich geprägter Religionsunterricht sich radikal auf die Seite der auszubildenden Jugendlichen zu stellen hat, mit ihnen für eine gerechte und sinnerfüllte Zukunft kämpft, gegen Arbeitslosigkeit, hemmungslose Konkurrenz und die Herrschaft der Geldbesitzer, vor allem aber für ihre Würde und Selbstbestimmung eintritt. Dies ist nicht leicht, wenn man sich die Vertreter der IHK, der Banken und Großbetriebe durch einen solchen Religionsunterricht zu Gegnern macht, die diesen gerne durch das Fach Wirtschaftsenglisch ersetzen möchten. Der Religionsunterricht sollte zu einem aufrechten Gang in Schule und Unternehmen befähigen.

b) So sehr der Religionsunterricht auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen muss, so darf er doch nicht zum sogen. „Laberfach“ verkommen, Jahrelang war es in Mode nach Befragung der SchulKlasse die ReizThemen: Sekten, Drogen, Okkultismus, Sexualität, oder auch Umweltverschmutzung usw. auf die Tagungsordnung zu setzen. Bibellektüre und die „letzten Fragen“ galten als Tabu. Hier gilt es für die Lehrkräfte Flagge zu zeigen. Die biblischen Propheten und ihre scharfe Sozialkritik, die Praxis und die Verkündigung Jesu vom Reiche Gottes, die Frage nach Tod und Auferstehung und dem Sinn des oft so leidvollen Lebens dürfen nicht ausgespart werden. Wer hier kneift, hat verloren und hechelt dem oft zynischen Zeitgeist hoffnungslos hinterher.

c) Wer viel von seinen Schülerinnen und Schülern, gerade auch was das Denken angeht, verlangt, wer ihnen zutraut, dass sie lernwillig und lernfähig sind, der muss sie im Religionsunterricht mit der Gottesfrage – als Existenzfrage und als Menschheitsfrage konfrontieren. Sonst sollten wir resigniert dem Fach Ethik den Platz räumen. Die Frage nach Gott hat ein historisches Recht an sich und ist keineswegs privat, einerlei wie man sie beantwortet, ob als gläubiger Jude und Christ und Muslim oder als überzeugter Atheist. Vor allem der bürgerliche Staat, der ja keineswegs neutral ist, hat keineswegs das Recht, sie aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Die Gottesfrage ist von ihrem Ursprung her politisch, weil es in ihr immer um die Befreiung aus der Sklaverei und das Recht der Erniedrigten auf ein würdiges Leben geht, und stellt daher erst recht auch eine bildungspolitische Thematik dar. Sie hat gar nichts zu tun mit den bekannten neoliberalen Fragen nach Nützlichkeit und Wohlergehen. In ihr geht es um das Ganze, um Sein oder NichtSein. Sollen wir ausgerechnet diese letzte Radikalisierung des Kampfes um die Bestimmung des Sinns unseres Lebens vor den Jugendlichen verschweigen und sie davon fernhalten? Die primären menschlichen Bedürfnisse sind ernst zu nehmen, aber auch sie müssen auf ihren letzten Grund hin hinterfragt werden.

Wer all die genannten Aspekte, Probleme , Fragen und die möglichen Antwortversuche für obsolet oder gar unsinnig hält, der sollte relevante Alternativen bereit halten, die verhindern, dass die Menschheit in Gewaltorgien versinkt oder zum findigen Tastendrücker verkommt. Wenn die Linkspartei sich dabei auf das dürftige Angebot der GiordanoBrunoStiftung, die den Namen dieses großartigen Denkers schändlich missbraucht, zurückzieht, dann kann ich nur noch staunen, wie schnell die Linkspartei in die Irre zu führen ist.

Kuno Füssel, Dr. theol., katholischer Theologe, Mathematiker und Religionslehrer in Andernach, Mitglied der DKP und Mitbegründer Christen für den Sozialismus

Ein Gedanke zu „Kuno Füssel: Warum der Religionsunterricht unverzichtbar bleibt – ein zorniges Plädoyer

  1. Kuno Füssel ist das – wovon ganz viele meinen, dass es dies gar nicht gibt:
    überzeugter Marxist, Kommunist und überzeugter und authentischer Christ
    (ich sage dazu Gottgläubiger) und hervorragender Befreiungstheologe.
    Eine außergewöhnliche und doch so wertvolle Kombination.
    Er ist Genosse im besten Sinne und akademischer Lehrer, dem es wichtig ist,
    dass andere etwas für das Leben lernen. Und für den es unwichtig ist, dass andere ihn als Akademiker sehen. Seine rhetorische Brillanz kann seinen argumentativen Gegnern zuweilen schneidend vorkommen. In Wahrheit ist es seine Vollblutargumentation für die Sache, die ihn durchdrungen hat – wie er sie aufgesogen hat. Wer ihn zum Genossen hat – kann die Fähigkeit aufbauen
    Gott zu vertrauen. Von mehr will ich nicht reden. ElMuto

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