Hartmut Futterlieb: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Eine widerständige Orientierung

Von den 24 Schülerinnen und Schülern meiner letzten Abiturklasse vor zwei Jahren waren fast alle getauft und sind konfirmiert worden. Aber niemand von diesen Schülerinnen und Schülern hatte noch einen Bezug zu seiner Kirchengemeinde. Und als ich den Kurs im elften Jahrgang übernahm, waren ihre Kenntnisse der biblischen Erzählungen gering. Nach fast 1000 Stunden Religionsunterricht war auch kein Interesse dafür da. Christliche Religion war für sie zur Privatsache geworden.

Was ist Religion?

„Woran du dein Herz hängst, da ist dein Gott,“ hat Martin Luther gesagt. Das hieß für die Diskussionen im Unterricht: Woran Du Dein Herz hängst, das ist im Grunde gleichgültig. Es gibt ja keinen Gott außer vielleicht ein nebulöses Etwas oder gar das Spaghettimonster. Das kennt jeder. Religion, zumal die christliche, ist für die eigene Lebens und Sinnorientierung nicht mehr relevant. Das Verfallsdatum scheint abgelaufen. Umso erschreckender ist es, wenn sie plötzlich im Gewand eines islamistischen Wiedergängers auftaucht. Die Soziologen – auch er selbst – sagte der Religionssoziologe Peter L. Berger, sind in den behaglichen Sesseln ihrer Lehrstühle lange davon ausgegangen, dass die Frage der Religion im Grunde erledigt sei. Dabei sei die Welt angefüllt mit Religion.

„Religion“, so hat es Erich Fromm formuliert, „ist jedes System des Denkens und Tuns, das von einer Gruppe geteilt wird und dem Individuum einen Orientierungsmaßstab und einen Gegenstand zur Hingabe bietet.“

Und er erläutert: „ So wie ich den Begriff „Religion“ hier verwende, bezeichnet er nicht nur ein System, das notwendigerweise mit einem Gottesbegriff oder mit Idolen operiert … Diese Definition sagt nichts über ihren spezifischen Inhalt aus. Objekte der Hingabe können Tiere oder Bäume sein. Idole aus Gold oder Holz, ein unsichtbarer Gott, ein Heiliger oder ein diabolischer Führer: die Vorfahren, die Nation, die Klasse oder die Partei, Geld oder Erfolg. Die jeweilige Religion kann den Hang zur Destruktivität fördern oder die Bereitschaft zur Liebe, die Herrschsucht oder die Solidarität; sie kann die Entfaltung der seelischen Kräfte fördern oder lähmen. Die Anhänger einer bestimmten Überzeugung mögen ihr System als ein religiöses ansehen, das sich grundsätzlich vom säkularen Bereich unterscheidet, oder sie mögen glauben, keine Religion zu haben, und ihre Hingabe an bestimmte diesseitige Ziele wie Macht,

Geld oder Erfolg einzig und allein mit praktischen Notwendigkeiten erklären.

Die Frage ist jedoch nicht: Religion oder nicht, sondern vielmehr: „Welche Art von Religion? Fördert sie die menschliche Entwicklung, die Entfaltung spezifischer menschlicher Kräfte, oder lähmt sie das menschliche

Wachstum?“ (Erich Fromm, Psychoanalyse und Religion, Zürich 1966, S. 32). Die Große Erzählung des Christentums mit ihren dogmatischen Sätzen und ihrer verhimmelten Geschwätzigkeit mag für den größten Teil der Gesellschaft uninteressant geworden. Die Konfirmation mag – überspitzt gesagt – zum Initiationsritus in die Reichsreligion des finanzmarktgetriebenen, marktgläubigen Kapitalismus geworden sein. Es sind andere Orientierungen, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind. Nicht nur die Schülerinnen und Schüler, die Jugendlichen, sind auf diese „Reichsreligion“ mit ihren Warenfetischen als Gegenstand der Anbetung orientiert worden, sondern sie ist auch uns in Fleisch und Blut übergegangen. Wir bemerken kaum noch wie sich unsere Sprache verändert hat. Wir reden wie selbstverständlich von Arbeitnehmern und Arbeitgebern auf dem Arbeitsmarkt, davon, wie ich mich „verkaufen“ kann, wenn ich mich bewerbe usw.

Der freiheitliche Pluralismus, verbunden mit den technischen Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung bietet, eröffnet jedem Einzelnen so viele Optionen, dass er „freiwillig“ auf die Orientierungsangebote eingeht, die ihm durch eine mächtige Meinungsindustrie angeboten werden. Er lässt sich orientieren.

Fortschreitende Säkularisierung?

Wir in Europa (in den meisten Ländern der Erde ist das anders) gehen davon aus, dass wir längst säkularisiert sind. Wir sprechen von abnehmender religiöser Alphabetisierung und wundern uns zugleich über den zunehmenden Fundamentalismus in verschiedenen Religionen. In Europa wurde eine mehr oder weniger konsequente Trennung von Kirche und Staat verwirklicht. Daran ist weiter zu arbeiten, vor allem wenn es kirchliche Privilegien gibt wie den Religionsunterricht oder den sog. Dritten Weg bei kirchlichen Arbeitsverhältnissen in Deutschland.

Aber kann ein Laizismus weiterhelfen? Im Grunde geht der Laizismus immer noch von der fortschreitenden Säkularisierung und einem Glauben an die Überlegenheit eines naturwissenschaftlichmaterialistischen Denkens aus. Beides ist durch seine Indienstnahme durch unterschiedliche Ideologien in den katastrophalen Kriegen und Pogromen des 20. Jahrhunderts gründlich diskreditiert worden. Außerdem geht der Laizismus von einer dualistischen Trennung von weltlichem und religiösem Verhalten aus. Dabei soll das religiöse Verhalten ganz und gar in die private Atmosphäre des Individuums abgeschoben werden. Ideal ist der fromme Blick nach oben, nicht der gesellschaftskritische zornige Einwurf von unten.

Unterdrückende Reichsreligion im Kapitalismus

Als Beleg wird gerne der Satz zitiert: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“. Das gilt auch für Martin Luther, der diesen Satz pauschal gegen die Bauern wendet: „Drei Arten schwerer Sünden gegen Gott und die Menschen laden diese Bauern auf sich, an denen sie sich vielfach den Tod verdient haben an Leib und Seele. Zum ersten, indem sie ihrer Obrigkeit Treue und Willfährigkeit geschworen haben, untertänig und gehorsam zu sein, wie es Gott gebietet, wenn er spricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Mt 20,21) und Römer 13,1 „Jedermann sei der Obrigkeit untertan.“ Luther und seine Nachbeter heute haben nicht im Blick, dass der Satz einen Kontext hat. Jesus, das ist der Protagonist des Erzähltextes und nicht „Gott“, verlangt nach der Münze, auf der das konkrete Bild des Kaisers zu sehen ist. Es geht also um das Imperium und um sein Geldsystem, das Geld, das absolute Macht beansprucht. Das ist „das System des Denkens und Tuns, das von einer Gruppe (den Herrschern und Beherrschten des Imperiums, H.F.) geteilt wird und dem Individuum einen Orientierungsmaßstab (das Geld, H.F.) und einen Gegenstand der Hingabe, den Kaiser (als Gott, H.F.) bietet“ (Erich Fromm). Es geht nicht um die weltliche Obrigkeit, die Gott mit Macht ausgestattet hat, wie Luther meint. Und es geht auch nicht darum, dass „Gott“ in die private Sphäre der Gläubigen abgeschoben wird, in das Reich der Spiritualität oder eines gnadenlosen Jenseitsglaubens, der nicht nur den Himmel, sondern auch die Hölle umfasst. Es geht in dieser biblischen Erzählung um eine öffentliche, gesellschaftliche Auseinandersetzung im Tempelbezirk. Nicht Jesus besitzt das Geldstück, sondern seine Gegner. „Gott“, als der NAME dafür, dass den Armen Gerechtigkeit und Recht zugesprochen wird, dass er die Hoffnung auf Befreiung vom Pharao (im Kontext der Erzählung: Vom Kaiser) verkörpert. Es geht nicht um die logische Gewichtung zweier Sphären (oder zweier Institutionen), die gleichwertig nebeneinander stehen, so dass man sie in eine „staatliche“ oder „gesellschaftliche“ und eine „private“ aufteilen könnte. Es geht in der Erzählung um den Widerstand gegen einen Kaiser, der sich „Gott“ nennt, gegen ein imperiales System, das die Freiheit liebt, seine destruktiven Kräfte zu entfalten. .Es geht um die widerständige Orientierung für eine Änderung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Darum ging es damals und darum geht es heute.

Die Rechtfertigungslehre Luthers mit seinem in der Wirkungsgeschichte sehr individualistisch verstandenen „allein durch den Glauben“ war für meine Schülerinnen und Schüler äußerst fremd, die unterdrückende Orientierung, der sie durch die Religion des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus ausgesetzt sind, war ihnen durchaus plausibel.

Hartmut Futterlieb war Studienleiter am PädagogischTheologischen Institut der EKKW mit Sitz in Kassel und bis 2014 Religionslehrer.

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