„Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“

Vortrag in der Methodistischen Universität von São Paulo, 27. September 2016

von Ulrich Duchrow

Es ist mir eine große Freude und Ehre, an der Methodistischen Universität von São Paulo einen Vortrag über die Radikalisierung der Reformation halten zu dürfen. Denn ich verstehe die Entstehung der methodistischen Kirche bereits als eine Radikalisierung der Reformation. Radix heißt die Wurzel und meint in diesem Zusammenhang die Schriften des Ersten und Zweiten Testaments. Radikalisierung meint also hier: die Prüfung
der Tradition an der Schrift im ursprünglichen und jeweils gegenwärtigen Kontext. So prüfte John Wesley in Oxford Theologie und Praxis der Anglikanischen Kirche, die in Dogma und Struktur an Lebendigkeit verloren hatte. Er bildete kleine Gruppen von bibelzentrierten Christen, um die Inspiration des Heiligen Geistes aus den Worten der Schrift in deren ganzem Leben wirksam werden zu lassen. Dabei knüpfte er direkt an Martin Luther an, wie dieser das Evangelium wieder entdeckt und in den Mittelpunkt des
Lebens der einzelnen Personen, der Kirche und der Gesellschaft gestellt hatte.1

Ähnliches müssen wir heute tun. Das war die Motivation einer internationalen Gruppe von über 40 WissenschaftlerInnen, das Reformationsjubiläum 2017 nicht als Jubelfeier zu begehen, sondern es als Anlass einer kritischen Selbstprüfung und einer zukunftsorientierten Neuorientierung zu nehmen. Aus dieser Universität gehörte der Gruppe Prof. Lauri Wirth an, der einen wichtigen Aufsatz zu Luther und Las Casas beitrug. Wie John Wesley haben wir die Bibel als einen Pol unserer kritischen Arbeit gewählt. Im Blick auf unseren Kontext haben wir das Wort Krise gewählt. Wir meinen es im Sinn der Krise unserer Erde und Menschheit, verursacht durch die Krise unserer globalisierten Zivilisation. Darum der ‚Titel des Projekts: „Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“. Wir haben unsere Forschungsarbeiten in fünf deutsch-englischen Bänden sowie zwei Auswahlbänden in englischer und spanischer Sprache veröffentlicht.2
Die Ergebnisse haben wir zugespitzt zusammengefasst in 94 Thesen. Darüber soll ich heute sprechen. Unser Ausgangspunkt ist Luthers Aufnahme des Rufes Jesu zu wirklicher Umkehr in den 95 Thesen von 1517. Wir verstehen die heutige Krise als eine  Krise auf Leben und Tod, in der uns nur die Umkehr retten wird. Das unübersehbare Menetekel an der Wand ist die Klimakatastrophe. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden Hurrikane und andere Unwetter, Verwüstung, Steigen des Meeresspiegels, Sterben der Arten usw. dramatische, immer lebensgefährlichere Ausmaße
annehmen. Gleichermaßen wird die Auseinanderentwicklung von Arm und Reich immer unerträglicher, bringt soziale Verwerfungen hervor bis hin zu Bürgerkriegen und dem Zerfall von Staaten – und zerstört die Demokratie. Was aber hat das mit Reformation zu
tun? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man nach den geschichtlichen Voraussetzungen unserer Zivilisation fragt, die Menschen und Erde zerstört. Eine überraschende Entdeckung während unserer Forschungsarbeit war, dass es einen deutlichen Zusammenhang der drei Kontexte der biblischen, reformatorischen und heutigen Zeit gibt. Er besteht in der zunehmenden Rolle, die das Geld und das Denken in
Geldrationalität in allen Bereich in unserer Zivilisation seit etwa dem 8. Jh. v.u.Z. spielt.3
Daher zunächst einen kurzen Blick auf die Geschichte des Geldes.

I. Die geschichtlichen Voraussetzungen des in der Reformationszeit beginnenden Frühkapitalismus

In Griechenland, Israel/Juda, Persien, Indien und China dringen damals Geld und Privateigentum im Zusammenhang mit beginnender Lohnarbeit in das tägliche Leben
ein. Dazu gehören nicht nur Handwerker sondern insbesondere Söldner infolge der Professionalisierung des Militärs. Der wichtigste Lohn für die Soldaten ist die Beute: Frauenschmuck, Tempelschätze usw. So werden zunächst Edelmetalle in kleinen Stücken und abgewogen als Geld benutzt. Mit dem Geld kommt die Institutionalisierung der Gier in der Form von Zinsen auf Kredite und dadurch Überschuldung, Landverlust und Versklavung von Bauern. Aber Geld wirkt sich nicht nur sozial, politisch und ökonomisch aus, sondern führt zu kalkulierendem, rechnendem Denken. Ja, Geld ist eine Denkform, die gekennzeichnet ist durch kalkulierendes Rechnen und Berechnen (analog und unterschieden von Sprache, die relationales, d.h. hörendes und redendes Denken ist). So
entsteht auch der sich von der Gemeinschaft isolierende egozentrische Individualismus, der fragt: „Rechnet sich das für mich?“ Der lateinische Begriff ratio bezeichnet ursprünglich die Geldrechnung. So beginnt mit dem Geld das rationale Denken, was sich
erstaunlich deutlich an der vorsokratischen Philosophie nachweisen lässt.4
Sie entsteht in der ersten monetarisierten griechischen Polis Milet kurz nach 600 v.u.Z., kurz nachdem sich die Gelddynamik mit der Prägung von Münzen (in Lydien, durch Söldner verknüpft mit Milet) verschärft. Der Expansionismus des Geldes verbindet
sich außerdem mit imperialer Eroberungspolitik. Insbesondere die Eroberung von Minen und von Kriegssklaven, die in diesen Minen arbeiten müssen, spielen in dieser Situation eine zentrale Rolle. Die frühe Phase der geldbestimmten Zivilisation erreicht mit dem Römischen Reich ihren Höhepunkt.

Eine neue Phase entwickelt sich im Mittelalter und kommt im Reformationszeitalter zum Durchbruch: die (früh)kapitalistische Zivilisation, die die Moderne eröffnet. Wie diese mit Geld, Gold und mörderischer imperialer Ausbreitung zusammenhängt, wissen lateinamerikanische Menschen besser als andere – aus leidvoller Erfahrung. Diese Zivilisation hatte schon zu Luthers Zeiten begonnen, alle Lebensbereiche zu durchdringen – nicht zuletzt die Kirche. So ist es kein Zufall, dass sich die Reformation an der Käuflichkeit des Heils entzündete. Die Moderne ist gekennzeichnet durch die extreme Verschärfung der antiken Geldwirtschaft in der Form des imperialen Kapitalismus. Hier wird die Vermehrung des Geldes zum Sinn und Motor des Wirtschaftens überhaupt. Kapital ist ja nicht einfach Geld, sondern in Geld gemessenes Vermögen, das investiert wird, um mehr Geld zu erwirtschaften. Dazu trägt insbesondere die Entwicklung der doppelten Buchführung bei, aus der sich der Funktionsmechanismus der Profitmaximierung aus input und output entwickelt. Ein weiteres Charakteristikum ist die
Privatisierung von immer mehr Gemeingütern, besonders des Landes. Wirtschaft wird zu einer Geldvermehrungsmaschine.Das Patriarchat verschärft sich durch das zur Herrschaft kommende männlich rationale Denken in Philosophie, Wissenschaft und Technik, die Eigentumsordnung und den imperialen Militarismus. Vor allem aber verbindet sich das expandierende Kapital mit territorialen, militärisch gerüsteten Mächten,
um Schritt für Schritt die ganze Welt zu erobern – beginnend mit dem Bündnis zwischen dem Kapital von Genua und der Hegemonialmacht Spanien (und Portugal), die den europäischen Kolonialismus Richtung Lateinamerika eröffnet. So ist es kein Zufall, dass zur gleichen Zeit wie die Reformation auch die Conquista beginnt. Diese kapital-imperialistische Entwicklung führt über Perioden unter der Herrschaft der Hegemonialmächte Niederlande und Großbritannien und den imperialistischen Kriegen hin zur Zeit der „Globalisierung“ unter US-Hegemonie.6 Durch die Industrialisierung werden außerdem die arbeitenden Menschen zu reinen Profit erwirtschaftenden Maschinenteilen, deren Wert der Markt bestimmt. Diese profitorientierte Wirtschaftsmaschine treibt die Einkommen und Vermögen in und zwischen verschiedenen Gesellschaften systematisch auseinander.

Unser gegenwärtiger Kontext ist das Ende dieser Zivilisation, weil diese mit ihrem kapitalgetriebenen Wachstumszwang das Leben auf unserem begrenzten Planeten zunehmend unmöglich macht. Denn weil Kapital dadurch definiert ist, dass es grenzenlos mehr werden muss, muss auch die Wirtschaft grenzenlos wachsen. Dies kann auf Dauer auf einem begrenzten Planeten nicht funktionieren. Klimakatastrophe, Artensterben soziale Katastrophen, die zu Kriegen und Zerfall der staatlichen Ordnungen führen, sind dafür die deutlichsten Beweise. Inzwischen besitzen 62 Milliardäre so viel wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung, als ca. 3,7 Milliarden Menschen, während jährlich mehr als 40 Millionen Menschen an den Folgen des Hungers sterben.

Wenn dieser hier grob skizzierte Zusammenhang zutrifft, hat die Frage nach der Reformation aus der Perspektive der Bibel und der heutigen Krise einen realen
Sinn, nämlich, wie antworten der Glaube an die biblische Gottheit und die Theologie auf die verschiedenen Aspekte dieser Geldzivilisation in ihren aufeinander folgenden Phasen
– das heißt in biblischen Zeiten, in der frühkapitalistischen Zeit der Reformation und heute unter der Herrschaft des Finanzkapitals? Der ersten Phase der religiösen und philosophischen Antworten hat der Philosoph Karl Jaspers den Namen „Achsenzeit“ gegeben.7 Ich rechne sie aber im Unterschied zu Jaspers nicht vom 8. bis zum 2.  Jh. v.u.Z., sondern bis zum frühen 7. Jh. u.Z., das heißt unter Einschluss der Entstehung des Islam.

Die Propheten seit Amos üben fundamentale Kritik an der neuen Zivilisation, die ökonomisch in die Verschuldung und die Versklavung führt, politisch in den Imperialismus und anthropologisch in den unsolidarischen, kalkulierenden, egozentrischen, profitorientierten Individualismus.

Sie rufen nach Gerechtigkeit und Recht als Alternative zum status quo, bleiben aber zunächst eine Minderheit. Dann, nach der Katastrophe des Nordreichs Israel im Jahr 722 v.u.Z. und nach der Zerstörung des Königreichs Juda und der Exilierung der Eliten nach Babylon, werden Rechtsreformen ins Auge gefasst, die in der entstehenden Tora gesammelt und zur Zeit Nehemias im 5. Jh. v.u.Z. umgesetzt werden: Zinsverbot, Schuldenerlasse, Schuldsklavenbefreiung alle sieben Jahre, periodische egalitäre Landverteilung, Armensteuer usw. Sie zielen darauf, Alternativen zur altorientalischen Normalität konkret zu praktizieren durch Autonomie und Egalität (vgl. Neh 5 mit Dt 15).8
Die theologische Grundlage dafür wird wird in Lev 25, 23 formuliert: „Das Land darf nicht unwiderruflich verkauft werden, denn mir gehört das Land, und ihr seid Fremde und Leute mit Bleiberecht bei mir.“ D.h. es gibt kein absolutes Eigentumsrecht für Menschen, wie es
später im römischen Recht auf den Punkt gebracht wurde und bis heute in den Bürgerlichen Gesetzbüchern wirksam ist. Menschen haben nur Nutzungsrechte, damit alle genug zum Leben haben. Das wiederum führt zu einer Ökonomie des Genug für alle, wie sie in der Erzählung von Gottes Manna als Speise für die durch die Wüste Wandernden klassisch zum Ausdruck gebracht wurde (Ex 16).

Als der Hellenismus im 4. Jh. v.u.Z. beginnt, die imperiale Geldzivilisation zu einem totalitären System zu machen, antwortet die entstehende apokalyptische Literatur (besonders das Buch Daniel) mit der Hoffnung auf das Ende der raubtiergleichen Weltreiche und das Kommen des messianischen Reiches Gottes. Jesus spitzt diese
Frage dann auf die Entscheidung zwischen Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit auf der einen und Mammon (Geldvermehrung als „Schätze sammeln“) auf der anderen Seite zu (vgl. Mt 6,19-34).

Seine Entscheidungsfrage „Gott oder Mammon“ ist nach den neuen Forschungen zur Entstehung der Geldzivilisation nicht ein Wort neben anderen, sondern fasst die entscheidende Frage des Glaubens in der damaligen Situation des Imperium Romanum als Höhepunkt der ersten Phase dieser Zivilisation zusammen. Umso mehr ist es später
die Entscheidungsfrage für Luther im Frühkapitalismus und für uns auf dem Höhepunkt des imperialen Kapitalismus und der mit ihm einhergehenden Mentalität der meisten Menschen.

Paulus sucht nach Befreiung aus dem System, das er von der Macht der Sünde (Gier) und damit von Ungerechtigkeit und Idolatrie beherrscht sieht (Rö 1, 18ff.). Er findet sie von den Rändern her (1 Kor 1,26ff.) in den vom Geist inspirierten messianischen Gemeinschaften, die die Spaltungen zwischen Juden und Völkern, Herren und Sklaven sowie patriarchalischen Männern und unterworfenen Frauen in gegenseitiger Solidarität überwinden (Gal 3,28). Das heißt, es geht zentral um die kollektive und persönliche Befreiung aus von der Sünde (Gier) beherrschten Machtstrukturen auf allen Ebenen.

Wie sehen nun die Ansätze der verschiedenen reformatorischen Bewegungen aus, wenn man sie von der so kontextuell gelesenen Bibel her in den Blick nimmt – wohlgemerkt damit Luthers „sola scriptura“ folgend?

II. Die Antworten der Reformation

1. Befreiung zur Gerechtigkeit

Ein erster Komplex von Fragen betrifft die Gerechtigkeit Gottes – vor allem behandelt in den Thesen 1-4 und 58-76 sowie in Band 1 der Reihe „Die Reformation radikalisieren“. Wie kommt sie in die Welt, wie greift sie in die Geschichte ein? Hier zeigt die neue Paulusforschung seit Krister Stendahls „Der Jude Paulus und wir Heiden“9, dass seit Augustin in der westlich-theologischen Tradition der gesamtzivilisatorische Ansatz des Paulus auf die Frage des „westlichen Ich“ eingeschränkt wurde. Die Sünde wurde als Erbsünde entgeschichtlicht und die Rechtfertigung auf das sündige „Ich“ oder gar nur auf die Seele bezogen. In dieser Tradition steht auch der augustinische Mönch Luther in seiner Frühzeit, obwohl er selbst keineswegs bereits dem späteren Individualismus der Moderne verfallen ist.10

Für Luther gibt es Menschsein als neutrales, beobachtendes und entscheidendes Individuum nicht. Entweder ist ein Mensch von Gott bestimmt – dann lebt dieser Mensch mitfühlend und gerecht von den Anderen her und zwar von den „Geringsten“ (Mt 25,31ff.), den Armen, Niedrigen, Bedürftigen und Verachteten zuerst. So nimmt er oder sie teil an der neuen, seit dem Messias Jesus offenbar werdenden Menschheit, freilich mit dem Risiko des Verfolgt- und Gekreuzigtwerdens. Oder ein Mensch ist von der Macht der Sünde bestimmt – dann lebt dieser Mensch in sich selbst verkrümmt, ich-bezogen, die
anderen Kreaturen zerstörend.
Nach Luther werden wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gottes geschaffen, erhalten und erneuert, um kooperativ in Wirtschaft, Politik und Kirche für Gerechtigkeit und Frieden zu kämpfen – ausdrücklich gegen die systemisch zerstörerische Logik und Praxis des kapitalistischen Zivilisation. Die Reformation ist also neu auf ihre Wurzel (radix) zu beziehen, somit zu radikalisieren, d.h. von Paulus her heißt Rechtfertigung umfassende Befreiung zur Gerechtigkeit.11

Das hat verschiedene Implikationen. Sünde muss vor allem als durch die Gier herrschende Macht verstanden werden, die Menschen zu MittäterInnen macht.12 Das tötende Gesetz bei Paulus ist damit konkret als das römische Gesetz des Privateigentums und der imperialen Gewalt zu verstehen. Denn es ist als Gesetz von der Sünde kooptiert. Es darf nicht mit der Tora identifiziert werden, wie Luther es vermittelt tut. Denn die Tora wird von Paulus als heilig bezeichnet. „Mose“ ist nicht einfach „der Juden Sachsenspiegel“, wie Luther behauptet. Die Tora war eben der Versuch, mitten unter den Völkern die alternative Grundordnung Jahwes zu leben – ohne Sklaverei und ohne Gier und Akkumulation des Eigentums (Präambel und 10. Gebot des Dekalogs). Aber
die Tora kann unter römischen Bedingungen nicht getan werden, muss deshalb nach Paulus wie die Menschen befreit werden. Das geschieht durch die Bildung messianischer Gemeinschaften, inspiriert vom Geist der neuen Menschheit, die Gerechtigkeit und Solidarität (agape, Rö 13,10) verwirklicht. In ihnen sind die religiös-ethnischen, die Klassen- und Gender-Gegensätze überwunden (Gal 3,28).

Luthers Auffassung, dass das abstrakte Gesetz im theologischen Sinn nur der Sündenerkenntnis dient und im übrigen dem Evangelium diametral entgegengesetzt ist, verfehlt die Auffassung des Paulus. Entsprechend fällt Luther vor allem in die Falle des nachkonstantinischen Antijudaismus, verdammt aber auch seine übrigen Gegner alle unter dieser Schablone der gesetzlichen Werkgerechtigkeit: Muslime, Täufer, Bauern usw. Im Kontrast dazu geht es Paulus gerade darum, „die anderen“ einzubeziehen, statt die Identität der eigenen Gruppe und Existenz gegen „die anderen“ zu definieren (darüber übermorgen mehr).13 Letzteres ist vielmehr genau die Herrschaftsweise des römischen Imperiums, „divide et impera“, die eben überwunden werden muss. Darum wurde Paulus von diesem Imperium auch hingerichtet. Denn es spürte, dass eine Bewegung mit Menschen aus allen Völkern, die sich im Namen eines von Rom hingerichteten Messias verbündeten, subversiv und gefährlich war. Diese paulinische Pointe gegen die imperiale Lebensweise auf allen Ebenen hat Luther nicht erfasst. Aber seine Wiederentdeckung des Evangeliums von Gottes bedingungsloser Annahme aller – ohne Ansehen der Person und des Standes – weist doch in dieselbe Richtung.

2. Befreiung vom Mammon

An einem Punkt jedoch folgt Luther strikt dem befreienden Ansatz der Bibel: der Absage an den Mammon. Dies wird ausführlich behandelt in den Thesen 5-23 und den Studienbänden 2 und 3, „Befreiung vom Mammon“ und „Politik und Ökonomie der Befreiung“. Schon Luthers 95 Thesen kämpfen gegen die Käuflichkeit des Heils im Rahmen der Ökonomisierung der Kirche, was in seiner systemischen Bedeutung normalerweise nicht beachtet wird. Es geht bei Luthers Kampf gegen den Ablasshandel nicht einfach um ein „religiöses“ Problem der einzelnen Glaubenden. Man muss sich das ganz plastisch vorstellen, wie Ablassprediger wie z.B. Tetzel immer Seite an Seite mit einem Bankangestellten der schon damals so genannten Monopolgesellschaft vor allem der Fugger aus Augsburg durch die Lande zogen. Das Sprichwort des Volksmunds „wenn
das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, das auch von Luther in Nr. 27 seiner 95 Thesen zitiert wird, offenbart den religiösen Charakter des Kapitals. Das wird noch einmal ganz deutlich in seiner Auslegung des 1. Gebots im Großen Katechismus. Zum 1. Gebot, speziell zu dem Satz „Du sollst nicht andere Götter haben“, schreibt  Luther:14

Es ist mancher der meinet, er habe Gott und alles gnug, wenn er gelt und gut hat, verlest und bruestet sich drauff so steiff und sicher, das er auff niemand nichts gibt. Sihe dieser hat auch einen Gott, der heisset Mammon, das ist gelt und gut, darauff er alle sein hertz  setzet, welchs auch der aller gemeynest [allgemeinste] Abgott ist auff erden.

Diese Sätze werden in unserer bürgerlichen Tradition normalerweise individualistisch verstanden, auf die einzelne Person bezogen — und das ist sicher auch ein Sinn. Aber dass Luther Mammon als den allgemeinsten Abgott auf Erden bezeichnet, heißt in heutiger Sprache: die gesamtem Zivilisation ist in allen Bereichen durchdrungen von der Geldvermehrung derer, die Geld haben.

Damit nimmt Luther, jedenfalls im Grundsätzlichen, die Fetischismustheorie von Karl Marx vorweg. Dieser arbeitet die ökonomischen Implikationen des Kapitalismus als Pseudo-Religion präzise heraus, indem er den Fetischischarakter der Ware, des Geldes und des Kapitals zeigt. Dabei verweist er ausdrücklich lobend auf Luther, weil dieser das Wesen des Kapitals darin verstanden hat, dass dieses den Schein erzeugt, als könne es aus sich selbst heraus die Geldvermehrung bewerkstelligen, obwohl der Mehrwert doch durch Arbeit geschaffen wird.15 Eine weitere Pointe entdeckt Walter Benjamin: Der Kapitalismus ist die einzige Religion, die verschuldet statt zu entschulden wie die anderen.16

Luthers spezifische Schriften gegen die frühkapitalistische Finanzwirtschaft und den Handel enthalten dann nicht etwa ethische Allgemeinplätze, sondern analysieren konkret und systematisch die ökonomischen Prozesse und beurteilen sie theologisch.17 Dass Luther mit seiner Auslegung des 1. Gebots nicht nur einzelne Menschen mit besonders großen Lastern im Auge hat, sondern das sich entwickelnde frühkapitalistische System, wird deutlich, wenn er in der folgenden Auslegung des 7. Gebots „Du sollst nicht stehlen“ die sozialethischen Konsequenzen aus der Abgötterei beschreibt:18

„Denn es sol … nicht allein gestolen heissen, das man kasten und taschen reumet, sondern umb sich greiffen auff den marckt, yn alle kreme, scherren (Fleischerbuden), wein und byr keller, werckstete und kuertzlich, wo man hantieret, gelt umb wahre oder arbeit nimpt und gibt…. Summa das ist das gemeinste handwerck und die groste zunfft auff erden, und wenn man die welt itzt durch alle stende ansihet, so ist sie nicht
anders denn ein grosser, weitter stall vol grosser diebe
. …. Ja hie were noch zuschweigen von geringen eintzelen dieben, wenn man die grossen gewaltigen Ertzdiebe solt angreiffen [mit welchen herrn und Fursten geselschafft machen], die nicht eine stad odder zwo sondern gantz deudschland… teglich ausstelen.“

Ein kongolesischer Freund, Boniface Mabanza, sagte einmal über die heutige globalisierte kapitalistische Welt: „Die Welt braucht nicht mehr Hilfe, sondern weniger Diebstahl.“ Die  gesamte Gesellschaft ist systemisch vom Geldvermehren der Kapitaleigner durchdrungen und besessen, was automatisch zum Raub an den Nicht-Habenden führt. Nach den Wucherschriften Luthers kann auch gar kein Zweifel darüber bestehen, wen er mit den Erzdieben meint: die großen Bank- und Handelsgesellschaften. Aber diese Institutionen sind nur die Spitze des Eisbergs, eines Systems, das zunehmend die gesamte  Wirklichkeit durchdringt — eines Systems des „fressenden“ Kapitals:19

„Deudschland wird mit fursten, herrn, landen vnd leuten der Wucherer leib eigen werden… Also mocht ein stulreuber sitzen zu hause vnd eine gantze welt ynn zehen iaren fressen.“

Hinter diesem System steht nicht nur insofern Götzendienst, als man dem Mammon traut, sondern auch insofern, als man über andere Menschen Gott sein, d.h. Macht ausüben möchte:20

ein wucherer vnd geitz wanst der wolt das alle wellt musse ynn hunger durst, iamer vnd not verderben, so viel an yhm ist, auff das er alles allein mocht haben, vnd yderman von yhm als von einem Gott, empfahen vnd ewiglich sein leibeigen sein
Also gar susse ist die gifft des Apfels ym Paradis, das sie wollen Mammon zum Gott haben vnd durch seine macht Gotter werden vber arme, verdorbene, elende leǔte
nicht zu helffen noch zu retten, Sondern noch tieffer vnd mehr zu verderben…“

Hier ist wie im Ersten Testament der Zusammenhang von Götzendienst und Tod, Hunger und Elend ausgesprochen. Gleiches sagt Luther nicht nur über die, die Zins nehmen, sondern über die Handelsgesellschaften, insofern sie durch Monopolbildung die Preise manipulieren — „gerade als wären sie Herren über Gottes Kreaturen und frei von allen Gesetzen des Glaubens und der Liebe …“ Luther ist sich in seiner letzten Schrift zum Thema „An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen“ klar, dass er gegen eine epochale Macht antritt, die gleichzeitig mit dem Schaden für alle Welt auch das Bewusstsein manipuliert und die Realität verschleiert, so dass Kapitalbildung durch Zinsnehmen „nun schon nicht mehr Laster, Sünde oder Schande sein will, sondern sich für eitel Tugend und Ehre rühmen lässt“. Auch Kirche und Theologie sind diesem Schein verfallen und die Theologie. Den römischen Theologen Eck nennt er einen Plutologen (Reichtumswissenschaftler) statt Theologen, und über die römische Kirche sagt er:

„Ist doch im Grunde nichts anders, das ganze geistliche Regiment, denn Geld, Geld, Geld. Alle Dinge sind gerichtet dahin, dass sie Geld tragen…“21

Darum kann es für Luther — wegen der Wirkung auf die Gesellschaft und die ganze Kirche — keinen Kompromiss der wahren Kirche gegenüber denen geben, die Zins nehmen. Den Pfarrern rät er deshalb, Wucherer von der Kommunion auszuschließen und sie nicht zu beerdigen. Denn „er hat sich selbst verdammt, abgesondert und verbannt, so lange er sich nicht selbst erkennt und Buße tut.“22

Dieser Text zeigt, dass Luther die Gemeinschaft der Kirche als Kontrastgesellschaft zur
kapitalistischen Ordnung sieht. Das kommt auch zum Ausdruck darin, dass er sie auffordert, sich nicht nur im Wort, sondern im eigenen (institutionellen) Finanzgebaren von den Kapitalgesellschaften und ihren Praktiken zu distanzieren, um den weltlichen Ständen ein „gut Exempel“, ein gutes Beispiel zu geben. Die Kirche soll den Namen Kirche ablegen, wenn sie wie alle anderen Zins nimmt.23 Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass er dem Problem nicht einfach über den individuellen Wucherer beikommen will,  sondern die Kirche als Kirche zur Bekämpfung des gesamtgesellschaftlichen Übels aufruft. Ebenso ruft er die Obrigkeit zum Handeln gegen den um sich greifenden Wucher auf. Aber er sieht realistisch: sie ist schon kooptiert („sie haben Kopf und Teil dran“).24 Bestes Beispiel ist die Abhängigkeit Karls V. von den Fuggern.25 Darum sucht Luther, die Gemeinden und das, was wir heute Initiativgruppen nennen würden, zur Bekämpfung der Armut und ihrer Ursachen aufzurufen, was sich auch in den evangelischen  Kirchenordnungen niederschlug.26

Die Frage Gott oder Abgott im Verhältnis zur Wirtschaft ist bei Luther — wie in der Bibel — untrennbar verbunden mit der Frage der Wirkung wirtschaftlicher Strukturen und Verhaltensweisen auf die Gemeinschaft der Menschen, theologisch gesprochen: auf die Nächsten. Wie wir sahen, ist die 1. Tafel auf die 2. Tafel der Gebote bezogen und  umgekehrt (1. Gebot — 7. Gebot). Luther nennt drei legitime wirtschaftliche Verhaltensweisen der ChristInnen (nach der Bergpredigt): sich nehmen lassen, geben und frei — ohne Aufschlag — zu leihen.

Hierin kan kein ander mas gesetzt wer denn des nehesten notturfft vnd die Christliche liebe so Gott gebotten hat dem nehesten zu erzeigen.“27

Die Wortverkündigung der Prediger im Verhältnis zu den ökonomischen und politischen Machtträgern formuliert Luther klassisch als prophetische Aufgabe:

“Fürsten und Mächtige können es zwar ertragen, dass man die ganze Welt kritisiert, wenn nur sie unkritisiert bleiben. Aber doch muss man sie auch kritisieren, und wer im  Predigtamt ist, ist ihnen schuldig zu sagen, wo sie Unrecht tun und verkehrt handeln, auch wenn sie vorgeben, es führe zu Aufruhr, wenn man Mächtige kritisiert.“28

Der entscheidende Punkt in Luthers Analysen und Interpretationen ist – ganz ungewohnt für das Neuluthertum – festzustellen, dass nach eingehender Prüfung die ökonomische Institution der länderübergreifenden Kapital- und Handelsgesellschaften an sich dem Willen Gottes widerstreitet, wie er sich sowohl im natürlichen wie im offenbarten Gesetz Gottes ausdrückt. D.h. Luther verwirft das System des Frühkapitalismus. Daher ist vom Gewissen her nicht nur der Gebrauch dieser Institutionen, sondern sie selbst sind als Institutionen abzulehnen. Dazu ein Zitat aus „Von Kaufshandlung und Wucher“:

Von den Gesellschafften sollt ich wol viel sagen. Aber es ist alles grundlos und bodelos mit eyttel geytz und unrecht, Das nichts dran zufinden ist, das mit gutem gewissen zu handeln sey. …Darumb darff niemant fragen, wie er muge mit guetem gewissen ynn den
gesellschafften seyn. Keyn ander rad ist Denn: Las Abe, Da wird nicht anders aus. Sollen die gesellschafften bleyben, so mus recht und redlickeyt untergehen. Soll recht und redlickeyt bleyben, so mussen die gesellschafften
[Jes. 28, 20] unter gehen.“29

Das heißt, Luther fordert hier in systemkritischer Absicht die Abschaffung der länderübergreifenden Bank- und Handelsgesellschaften, das strenge Eingreifen der Regierungen in den Markt, Boykott dieser Monopole usw. Luthers Lehre von den zwei komplementären Regimenten (Strategien) der Liebe Gottes gegen die Herrschaft des Bösen hat nichts mit dem späteren Quietismus und angepassten Luthertum zu tun, sondern fordert Pfarrer und ChristInnen in ihren Berufen zu kritischer politischer Wachsamkeit und Engagement für Gerechtigkeit und Frieden auf.30

Luthers Radikalität an dieser Stelle ist den heutigen Dokumenten des reformierten Accrabekenntnisses (2004), der 10. Vollversammlung des ÖRK in Busan (2013) und den Apostolischen Schreiben und Enzykliken von Papst Franziskus (2013 und 2015) vergleichbar. Sie alle verwerfen den imperialen Kapitalismus als System. Sie werden aber ebenso wenig wie Luthers Schriften von den reformatorischen und römisch-katholischen Kirchen z.B. in Deutschland ernst genommen und umgesetzt. Das Reformationsjubiläum wäre eine Chance zum Umdenken. Interessant ist es zu sehen, dass zum Beispiel in der englischen Tradition Figuren wie John Wyclif und Gerrard Winstanley prägend sind, die die sozialen, ökonomischen und politischen Impulse der Bibel bereits in demokratischen Ansätzen aufgenommen haben.31 Durch solche Ansätze kann Luthers hierarchisch gefasster Kategorienrahmen biblisch partizipatorisch umgestaltet und dadurch aktualisiert werden.

3. Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden

Ökologie, Frieden und andere Glaubensgemeinschaften sind die Themen in den Thesen 33-57 und Band 4 (Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden). In These 34 heißt es: „Die reformatorische Erkenntnis, dass wir durch das Vertrauen auf Gottes Gnade gerettet werden, sollte die Erkenntnis einschließen, dass Gott in der gesamten Schöpfung gegenwärtig ist und auf deren Schrei hört (Röm 8,18-23).“ Hier lässt sich durchaus an Luthers pralle Schöpfungstheologie anknüpfen. Was aber weniger bekannt ist: Thomas Müntzer und der Täufer Hans Hut haben das aus der Schöpfung wahrnehmbare Evangelium verbunden mit dem biblischen Ansatz bei den Armen (dem „gemeinen Mann“32) – ganz wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si tut.
Dieser weist auch erneut den Weg, einen grundsätzlich anderen kulturellen Weg einzuschlagen als die vom Geld beherrschte, kalkulierende und objektivierende westliche Zivilisation: die Einsicht, dass alles Leben miteinander verwoben ist und davon geistlich, epistemologisch, wirtschaftlich und politisch primär ausgegangen werden muss. Das nimmt biblische Ansätze wieder auf, die verschüttet waren, die noch bei Luther
33 und anderen Reformatoren anklingen, aber heute ist dies eine interkulturelle Aufgabe. Vor allem von asiatischen Kulturen des Sangsaeng, afrikanischen des Ubuntu und indigenen Ansätzen des Sumak kawsay können wir lernen34, um eine gemeinsame Kultur des Lebens zu entwickeln. Z.B Daniel Stosiek hat indigene Einsichten befreiungstheologisch gefasst. Leonardo Boff hat zusammen mit Mark Hathaway in gleicher Absicht an den Taoismus angeknüpft.35

In der Friedensfrage folgen die Thesen und Band 4 weitgehend der mennonitischen
Position.
36 Gleichzeitig werden hier Luthers biblisch zu verwerfende Schriften
und Handlungsanweisungen gegen Juden, Muslime, Täufer und Bauern detailliert und kritisch analysiert und widerlegt.
37  Es gibt zwar Ansätze zur Revision dieser Positionen im Luthertum– wie z.B. den Versöhnungsprozess mit den Mennoniten – aber es fehlt bisher eine generelle Zurücknahme dieser unfassbaren Fehltritte Luthers und ebenfalls Entschuldigungen bei den Betroffenen angesichts der schlimmen Wirkungsgeschichte bis heute. Dies müsste die Revision der theologischen Grundlagen für diese Fehltritte einschließen, wie sie in Band 1 der Reihe herausgearbeitet werden. Gleichzeitig ist die Anpassung der lutherischen Reformation und späterer Traditionen an imperiale und koloniale Grundmuster neu zu thematisieren (Lauri).38 Denn das konstantinische
Muster
, in das Luther aus Angst um die militärische Zerstörung der Reformation vielfach zurückgefallen ist, ist bis heute wirksam. Werfen wir einen kurzen Blick auf die einzelnen, von Luther verteufelten Gruppen.

Seine Schrift„Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) ist nicht nur an sich ein theologisches Verbrechen, sondern hat in der Wirkungsgeschichte zur Rechfertigung realer physischer Verbrechen gedient. Hitler und seine Schergen haben sich ausdrücklich auf Luther berufen, als sie die Synagogen verbrannten, Thorarollen vernichteten und die Juden vertrieben. Deren körperliche Vernichtung war das Einzige, was Luther noch nicht empfohlen hatte (er dachte „nur“ an Vertreibung). Genau aber die gnadenlose Tötung legte er den Fürsten bei der Niederschlagung des Bauernaufstandes nahe, und auch bei der Verfolgung der Täufer war er nicht zimperlich. Es ist kaum verständlich, wie er dies alles vor seiner eigenen Theologie verantworten konnte, nachdem er doch gegen die Machtkirche des Mittelalters ausdrücklich herausgearbeitet hatte, dass in Glaubenssachen keine weltliche Gewalt eingesetzt werden dürfe, sondern nur das Wort, das heißt Schrift- und Vernunftargumente (non vi sed verbo).39 Eine gewisse Sonderrolle nehmen seine  Argumente gegen die Muslime ein. Diese sind damals ausschließlich durch die Türken vertreten, die mit Militärmacht vor Wien standen und das Reich
bedrohten. Hier unterscheidet er ausdrücklich, dass man sie nicht im Namen des christlichen Glaubens bekämpfen soll, sondern als solche, die einen ungerechten Krieg gegen das Reich führten. Trotzdem bleibt auch hier seine theologische Argumentation
traditionell und von Unkenntnis geprägt. ((
Dies evtl. auf 2. Beitrag verschieben: An dieser Stelle muss heutige Theologie grundsätzlich andere Wege beschreiten. Erstens ist klar nachgewiesen, dass die Bibel nicht gegen andere Religionen steht, sondern gegen Götzendienst – und dies zuerst im Blick auf die eigene „Religion“ (vgl. die Geschichte vom Goldenen Kalb, Ex 32). „Die Wirklichkeit der Götter zeigt sich biblisch am Kriterium der Gerechtigkeit. Götter, die den Armen nicht zum Recht verhelfen, sind sterbliche, zum Tode verurteilte Götter (Ps. 82).40 Das trifft besonders auf die Göttlichkeit des römischen Kaisers zu, wie es besonders deutlich in Offenbarung 12f. zu lesen ist.

Zweitens aber wird durch die neuen Forschungen zu der ersten Phase der Geldzivilisation deutlich, dass alle Weltreligionen und Philosophien in den Regionen vom Mittelmeer bis China ursprünglich je auf ihre eigene Weise gegen deren soziale, mentale und psychologische Folgewirkungen Position beziehen, also in ähnliche Richtung wie die Bibel:41

  • in Israel und Juda, wie wir sahen, fordern die machtkritischen Propheten (seit Amos) und die Tora (bes. Deut 15 und Lev 25) Gerechtigkeit und Recht, damit es keine Armen gibt;
  • in Indien sucht der Buddha die drei Gifte Gier, gewaltförmiger Hass und Illusion des Ego durch die achtsame Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit alles Seienden und dem daraus folgenden neuen gemeinschaftlichen Sein zu überwinden;
  • in China erklärt Laozi den Vorrang des Weichen gegenüber dem Harten im Sinn des
    unaussprechlichen und darum nicht manipulierbarem Dao (Weg), Konfuzius fordert die immer wieder nötige Eingliederung in die gesellschaftliche Ordnung bis hin zum  Revolutionsrecht des Volkes bei ungerechter Herrschaft (beide nach dem Prinzip sozialer Balance);
  • Sokrates zielt auf seelische Angemessenheit (arete) statt Reichtum und Ruhm, Plato auf Gerechtigkeit im Gemeinwesen, Aristoteles versucht, die auf  Geldanhäufung reduzierte Wirtschaftsform („Chremastik“) durch die Ethik und Politik der natürlichen Tauschwirtschaft zu überwinden;
  • Jesus spitzt die Frage zu auf die Entscheidung zwischen Gott (seinem Reich und dessen Mitgefühl und Gerechtigkeit) und Mammon (dem Gott des Schätzesammelns) sowie auf den Vorrang der Geringsten (Mt 6,19ff. und 25, 31ff.) mit der Folge, dass seine Bewegung Eigentum teilt, damit es keine Armen gibt (Apg 4,32ff.);
  • Muhammad verdammt die Illusion unbegrenzter Reichtumsanhäufung und betont das Zinsverbot, verbunden mit der Armensteuer (Zakat) und einer Beteiligungswirtschaft.

In allen Religionen entstehen heute befreiungstheologische Bewegungen, die auf die ursprünglichen kritischen Intentionen der grundlegenden Texte zurückgreifen. Die darin enthaltene Herausforderung an alle christliche Theologie heute – besonders aber für lutherische nach deren Geschichte – formuliert am schärfsten der jesuitische Befreiungstheologe Aloysius Pieris.42 Wenn es nach Mt 25,31ff geht, kann man nach Pieris Jesus nur in zweiter Linie in der kirchlichen Liturgie begegnen, in erster Linie aber in der „Liturgie des Lebens“. Und der Ort dafür sind die Basisgemeinschaften – nicht die rein christlichen Basisgemeinschaften wie in Lateinamerika, sondern die „menschlichen“ Basisgemeinschaften, in denen Christen mit Menschen anderen Glaubens zusammenwirken. Der zentrale Bezugspunkt dabei ist der Gegensatz zwischen Gott und dem Mammon, dem Götzen der Akkumulation, der seit der Antike die Gesellschaften regiert, aber in der westlich-kapitalistischen Welt zur scheinbar absoluten Herrschaft gekommen ist. Er produziert Opfer unter den Menschen aller Religionen, den Armen in allen Hinsichten. Nur in Zugehörigkeit zu diesen Opfern kann man Jesus nachfolgen. Das bedeutet nicht nur, materiell arm zu werden, sondern allen Versuchungen, Macht auszuüben, zu widerstehen – wie Jesus selbst in der Wüste, als er von Satan versucht wurde (Mt 4). Aber es geht nicht nur darum, diesem Götzen der Macht und des Reichtums selbst abzusagen, wie es in den meisten Mönchsbewegungen geschah, sondern auch gemeinsam mit den Armen um umfassende Befreiung vom Mammonsystem in der Gesellschaft zu kämpfen.

Religionen sind ebenso wie Ideologien ambivalent. Sie können sowohl befreien wie auch die Unterdrückung verschärfen. Neutralität gibt es nicht. Das gilt sowohl psychologisch wie strukturell. Entweder regiert Gott oder Mammon. Das untersucht Pieris im Blick auf die Religionen Asiens im Einzelnen. Es muss hier um eine ekklesiologische Revolution gehen: Sie sollen nicht nur Kirchen in Asien sein, sondern Kirchen Asiens werden. Das aber geht nur über die lokalen „menschlichen“ Basisgemeinschaften der Armen, die für eine neue Gesellschaft kämpfen, in der es keine leidenden und passiv gemachten Armen, sondern freie menschliche Subjekte gibt, die gemeinsam immer neu eine Lebensform des gerechten Teilens gestalten. Das könnte auch für reformatorische Theologien und Kirchen heute ein Ansatz sein, die Reformation zu radikalisieren und zu interreligiöser Solidarität für Gerechtigkeit beizutragen.

4. Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation

Darum geht es auch zentral in den Thesen 77-94 und Band 5 unter dem Titel Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation. Dies zeigt zusammenfassend These 80:

Im 16. Jahrhundert wurde die Kirche reformiert. Aber schon bald verwickelten sich Kirchen in der reformatorischen Tradition in Strukturen und Praktiken, die patriarchalisch und hierarchisch waren und in die Gefangenschaft von mächtigen wirtschaftlichen und politischen Interessen gerieten. Ihre Verfolgung der Täufer, Juden und Muslime war nicht nur beklagenswert, sondern unverzeihlich! Selbst hierfür Buße zu tun, ist nicht genug. Wir müssen uns vom Geist Gottes dazu antreiben lassen, insgesamt von solchen konstantinischen Formen der Kirche Abschied zu nehmen. Es geht darum, sich zur Gestaltung einer Kirche inspirieren zu lassen, in der angefangen von den
gesellschaftlich Ausgeschlossenen alle mitbestimmen können und Grenzen überschritten werden, zu einer Kirche, die wirklich katholisch ist, das heißt, die alle einschließt – über die Grenzen von Religionen, Volkszugehörigkeit, Kontinenten und Eigeninteressen hinweg.“

Anders ausgedrückt: Es geht um einen grundsätzlich anderen Ansatz von Gemeinde- und Kirchenaufbau als im konstantinischen Modell, das zumindest in den großen Volks- und Staatskirchen des Luthertums bis heute grundlegend ist. Gerade angesichts des totalitären Systems des imperialen Finanzkapitalismus ist neu zu buchstabieren, wie
die Jesusbewegung und Urchristenheit im ebenfalls totalitären Römischen Reich sich von den Rändern der Gesellschaft her aufbaute, Widerstand leistete und attraktive alternative Gemeinschaftsformen und Lebensweisen entwickelte und was dies heute für Gemeinden und Kirchen bedeutet. Für Paulus ist diese subversive Praxis nur durch einen neuen Geist oder genauer den messianischen Geist der Neuschöpfung möglich (Rö 8).43 Angesichts des heute nötigen Engagements für eine andere politisch-ökonomische und zivilisatorische Praxis bedeutet dies eine grundlegende Entprivatisierung der Spiritualität.44

Das setzt aber auch voraus, dass die Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge neu entsteht. Dies wird in den Thesen 24-32 zusammenfassend angedeutet, taucht dann aber bezeichnenderweise in allen 5 Bänden in den jeweiligen Schwerpunktthemen wieder auf. Das Kreuz ist also kein abgrenzbares Thema, sondern ein Strukturelement der gesamten Theologie (theologia crucis) – freilich gekoppelt an die Auferstehung. Warum? Auch hier leitet die Umdeutung des Kreuzes zum Erlösungsinstrument für das „westliche Ich“ in die Irre.45 Vielmehr ist das Kreuz zu verstehen als die Folge von Jesu umfassender Identifikation mit den Opfern des gesamten imperialen Systems und der sie tragenden Zivilisation, in der alle Menschen MittäterInnen werden. Damit kann auch der theologische und kirchliche Ansatz heute nur an der Seite dieser Opfer beginnen. Das deuten wir an, indem wir in den Thesen Bilder des Campesino, der Schwangeren und des Gasmaskenträgers am Kreuz – und des am Dollar Gekreuzigten in den Thesen abdrucken. Indem Jesus dem gewaltsamen System nicht mit den gleichen Mitteln Widerstand leistet, bricht er die Logik des Systems. Darum ist die Auferstehung Gottes Tat, die offenbart, dass die Macht des von der kollektiven und persönlichen Sünde beherrschten Systems nicht das letzte Wort behält, sondern gebrochen werden kann. Eine andere Welt und ein anderer Mensch sind möglich. Das ist die messianische Zukunft der Kirche, wenn sie sich vom Geist Gottes und des Messias Jesus inspirieren lässt.

Dazu ist tägliche Umkehr nötig und möglich – womit erneut die 1. der 95 Thesen bestätigt ist, die deshalb die zentrale Botschaft des Reformationsjubiläums 2017 sein sollte. Darum beginnt die Einleitung in unsere 94 Thesen:

Martin Luther begann seine 95 Thesen von 1517 mit der Umkehrforderung Jesu: “Kehrt um, die gerechte Welt Gottes ist nahe”. Fünfhundert Jahre später leben wir in einer Zeit, die wie das biblische “Jobel-Jahr” („Erlassjahr“, Lev/3. Mose 25) ebenfalls Umkehr und eine Veränderung hin zu gerechteren Verhältnissen anmahnt.“

Und sie schließen: „‘Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise‘ ist für Kirchen und Theologie keine beliebige Option, sondern notwendig. Luther selbst machte die Schrift in ihrem historischen Wortsinn zum Kriterium aller Tradition. Die kontextuelle Auslegung der Bibel hat diesen Sinn kritisch-prophetisch geschärft. Und Luther übte systemische Kritik schon am Beginn der kapitalistischen Moderne – Wie sollten wir am Ende dieser immer mörderischeren und selbstmörderischen Menschheitsphase und
ihrer Krise nicht neu auf unsere Glaubensquellen hören und mit anderen gemeinsam ‚dem Rad in die Speichen fallen‘? Lasst uns gemeinsam mit andren auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens gehen.“

Gemeinsam – das heißt auch gesamtökumenisch und sogar darüber hinaus mit allen
Menschen guten Willens. Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, dass der letzte Band 5 der Reihe „Die Reformation radikalisieren“ mit einem Beitrag von Leonardo Boff zur Bedeutung des Papstes Franziskus schließt. Die Fronten haben sich verkehrt: der heutige franziskanische Papst ruft auch die protestantischen Kirchen dazu auf, zu den Wurzeln der biblischen Botschaft zurückzukehren und sich aus der kapitalistischen Zivilisation, in die wir alle auch persönlich verstrickt sind, befreien zu lassen und gemeinsam mit den Armgemachten und der leidenden Kreatur eine neue Kultur des Lebens zu bauen, in der Gerechtigkeit und Frieden möglich werden.

Literatur

ARRIGHI, Giovanni: The Long Twentieth Century: Money, Power, and the Origins of Our Times. London/New York: VERSO, 1994

BENJAMIN, Walter: Kapitalismus als Religion, in: Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main Bd. IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1972.

BEROS, Daniel/HOFFMANN, Martin (ed.): Radicalizando la Reforma – Otra teología para otro mundo. San José, Costa Rica/Buenos Aires, Argentina: UBL/La Aurora, 2016.

BLOOMQUIST, Karen L./Nessan, Craig L./Ulrich, Hans G. (Eds.): Radicalizing Reformation. North American Perspectives. Münster: Lit, 2016.

DUCHROW, Ulrich (Hg.), in der Reihe „Die Reformation radikalisieren“ Münster: Lit, 2015:
– mit Jochum-Bortfeld, Carsten: Band 1. Befreiung zur Gerechtigkeit
– mit Ulrich, Hans G.: Band 2. Befreiung vom Mammon
– mit Hoffmann, Martin.: Band 3. Politik und Ökonomie der Befreiung
– mit Nessan, Craig: Band 4. Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
– mit Bloomquist, Karen: Band 5. Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation.

DUCHROW, Ulrich: Luthers Stellung zum Individualismus des modernen Geldsubjekts. In: DUCHROW, Ulrich/Ulrich, Hans G. (Hrsg.): Befreiung vom Mammon, Band 2 der Reihe „Die Reformation radikalisieren“. Münster: Lit, 2015

DUCHROW, Ulrich: Europe in the World System 1492-1992. Geneva: WCC, 1992.

DUCHROW, Ulrich/Bianchi, Reinhold/Krüger, René/Petracca, Vincenzo: Solidarisch
Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus – Wege zu ihrer Überwindung.
Hamburg/Oberursel: VSA in Kooperation mit Publik-Forum., 2006, (frei
verfügbar unter http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Duchrow_Ulrich_Solidarisch_Mensch_werden.pdf)

DUCHROW, Ulrich/Hinkelammert, Franz: Transcending Greedy Money: Interreligious Solidarity for Just Relations. New York: Palgrave MacMillan, 2012.

DUCHROW, Ulrich: Gieriges Geld: Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven. München: Kösel, 2013 (in Spanisch:

DUCHROW, Ulrich: Más allá del dinero y la avaricia. Alternativas para una cultura
de la vida. Bogota: Universidad Distrital Francisco José de Caldas/Jusititia yVida, 2014)

GRAEBER, David: Schulden: Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart: Klett-Cotta, 2012/GRAEBER, David: Debt. The First 5,000 Years. New York: Melville House, 2011;

JASPERS, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. Zürich: Artemis, 1949.

PIERIS,  Aloysius: A Liberation Christology of Religious Pluralism. In: Nhanduti Editora/Sri Lanka (2009) S. 1-20.
(http://www.nhanduti.com/Mangostao.English%20texts/Aloy.Eng.pdf)

SCHARFFENORTH, Gerta: Den Glauben ins Leben ziehen.Studien zu Luthers Theologie. München: Kaiser, 1982

SCHEIDLER, Fabian: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Wien: Promedia, 2015.

SEAFORD, Richard: Money and the Early Greek Mind. Homer, Philosophy, Tragedy. Cambridge: Cambridge University Press, 2004;

STENDAHL, Krister: Der Jude Paulus und wir Heiden. Anfragen an das abendländische
Christentum. München 1978: Kaiser, 1978 (engl 1976)

VEERKAMP, Ton: Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung.
Hamburg: Argument/InkriT, 2012.

1Vgl.
neuerdings RAISER, Konrad: 500 Jahre Reformation – weltweit. Bielefeld: Luther Verlag, 2016.

2DUCHROW, Ulrich u.a. (Hg.), 5 Bände, 2015; BEROS, Daniel/HOFFMANN, Martin (ed.), 2016; BLOOMQUIST, Karen L./Nessan, Craig L./Ulrich, Hans G. (Eds.), 2016.

3Vgl.SEAFORD, Richard, 2004; GRAEBER, David, 2012 (engl. 2011); DUCHROW, Ulrich/Hinkelammert, Franz, 2012; DUCHROW, Ulrich, 2013 (in Spanisch, 2014);  SCHEIDLER, Fabian, 2015.

4Seaford, op.cit.

5Vgl. bes. Scheidler, a.a.O.

6Vgl. ARRIGHI, Giovanni, 1994; DUCHROW, Ulrich, 1992.

7JASPERS, Karl, 1949.

8Vgl. VEERKAMP, Ton: Die Welt anders. Politische Geschichte der Großen Erzählung.
Hamburg: Argument/InkriT, 2012.

9STENDAHL, Krister, 1978.

10Hierzu s. DUCHROW, Ulrich, 2015, S. 142-86. Die abstracts aller im Folgenden genannten Beiträge aus den 5 Studienbänden „Die Reformation radikalisieren“ finden sich unter http://www.radicalizing-reformation.com/index.php/de/publikationen.html.

11Dies ist deshalb auch der Titel von Band 1.

12Luise Schottroff in Bd. 2.

13Dazu ausführlich Brigitte Kahl in Band 1.

14WA 30I, 132ff.

15MEW 26, bes. 404-407.

16BENJAMIN, Walter, 1972.

17S. „Von Kaufshandlung und Wucher, 1524, WA 15, 218ff.; „An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen, Vermahnung“, 1540, WA 51, 325ff.

18 WA 30I, 164f.

19An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen, Vermahnung (1540), WA 51, 364a f.

20Ebd. 394a-397a. Zu den psychischen Wirkungen des neoliberalen Kapitalismus auf Verlierer, Gewinner und Mittelklasse vgl. DUCHROW, Ulrich/Bianchi, Reinhold/Krüger, René/Petracca, Vincenzo, 2006, (frei verfügbar unter http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Duchrow_Ulrich_Solidarisch_Mensch_werden.pdf).

21Wider den falsch genannten geistlichen Stand des Papstes und der Bischöfe, 1522, WA10II, 125.

22An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen, WA 51, 367a f.

23Vgl. Von Kaufshandlung und Wucher, WA 6, 59: „Hie faren sie dan
aber daher und sagen ‚die kirchen und geystlichen thun das (Zins nehmen) und habens macht, die weyll solchs gelt zu gottis dienst gelangt’…. Thu den namen der Kirchen ab und sprich, es thu der wuchersuchtige geytz odder der faulentzer alter Adam, der nit gerne arbeytt, umb seyn brott zu erwerben, das er seynem mussig gang unter der kirchen namen eynen deckell mache….Dan sie sollen leuchten und gutt exempell geben den weltlichen“.

24Von Kaufshandlung…, WA 15, 313.

25Vgl. G. Ogger, 1978.

26Vgl. SCHARFFENORTH, Gerta, 331f.

27An die Pfarrherrn, wider den Wucher zu predigen, WA 51, 393a.

28Wochenpredigten über Joh 16-20 (1528/29),WA 28; 362,11-14. 363,26-34 (im Zusammenhang „Jesus vor Pilatus“).

29Von Kaufshandlung…, WA 15, 312f.

30Vgl. besonders die Beiträge von C. Nessan in Bd. 4 und W. Deifelt in Bd. 5.

31Vgl. T. Gorringe in Band 3.

32Vgl. den Artikel des Mennoniten J. Prieto in Bd. 4.

33S.o. Duchrow in Anm. 10.

34Vgl. Claudete Beise Ulrichs Beitrag zu “Buen Vivir” in Band 4.

35BOFF. LEONARDO/HATHAWAY, Mark: Befreite Schöpfung. Kosmologie-Ökologie-Spiritualität. Kevelaer: Butzon & Bercker, 2016. (Englischer originaltitel: The Tao of Liberation)

36Mennonitische Beiträge finden sich in Bd. 4 von A. González Fernández, K. Koop, J. A. Prieto Valladares und in Bd. 5 von F. Enns.

37Vgl. bes. die Beiträge von C. Nessan und Ch. Amjad-Ali, ebenfalls Band 4.

38Zu dieser Frage ist besonders zu verweisen auf Lauri Wirths Vergleich zwischen Luther und Las Casas in Bd. 1.

39Vgl. u.a. „Von weltlicher Oberkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“, 1523.

40EBACH, Jürgen: Art. Fremde Religionen, in: F. Crüsemann u.a. (Hg.), Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel. Gütersloh : Gütersloher Verlagshaus, 2009, S. 162-167.

41Dies ist ausführlich dargestellt in DUCHROW, Ulrich/Hinkelammert,, 2012, und DUCHROW, Ulrich, 2013.

42PIERIS, Aloysius: A Liberation Christology of Religious Pluralism. In: Nhanduti Editora/Sri Lanka (2009) S. 1-20. (http://www.nhanduti.com/Mangostao.English%20texts/Aloy.Eng.pdf). Er ist Indologe, Theologe und Gründungsdirektor des Tulana Research Center in Kelaniya, Sri Lanka.

43Zum grundlegend subversiven Charakter von Kirche vgl. K. Bloomquist in Bd. 5.

44Vgl. K. Butting in Bd. 4, U. Andreé und W. Altmann in Bd. 5.

45Eine ausführliche Widerlegung der Satisfaktionslehre des Anselm von Canterbury (Schulden müssen bezahlt werden, ist das oberste Gesetz, darum muss Gott seinen Sohn opfern, um für die Sünden der Menschen zu bezahlen), die bis heute in der populären Frömmigkeit vorherrscht, bietet F. Hinkelammert in Bd. 1.

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