Franz Segbers: Stille Tage

Pünktlich zu Karfreitag und als Beitrag zum Wahlkampf plakatiert die LINKE in Nordrhein-Westfalen zu ihrem Parteitagsbeschluss „besondere Regelungen für „stille Feiertage“, etwa das Tanzverbot an Karfreitag, sind zu streichen“ mit einem verletzendem Plakat. Nur nebenbei: Die LINKE unterschlägt auch das Tanzverbot am Volkstrauertag, an dem der Opfer der Krieg erinnert werden. Man mag ja mit Karfreitag nichts anfangen, doch die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und zumal in NRW sind Christen.

Sie erinnern sich an Karfreitag an die Folterung und Kreuzigung ihres Religionsgründers durch das Imperium Roms. Die Kreuzigung war eine Hinrichtungsart nur bei politischen Vergehen gegen das Imperium. Die Ausfallstraßen Roms waren nach den niedergeschlagenen Sklavenaufständen mit Kreuzen gesäumt.  Das Imperium demonstrierte seine Macht in aller Brutalität. Die Kreuzesinschrift – „Jesus König der Juden“- verweist auf den politischen Hintergrunde des Hinrichtung: Jesus wurde vom Imperium und seinen Handlangern standrechtlich gekreuzigt.  An die Opfer, die das Imperium auch heute noch einfordert, erinnert die Liturgie meiner Kirche. Dort beten wir an Karfreitag für Dietrich Bonhoeffer, dem Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, an Oscar Romero, der ein Ende der Unterstützung der Militärjunta in El Salvador durch die USA angeprangert hatte  und tags darauf am Altar erschossen wurde, oder an Erzbischof Alberto Ramento, der Landlose in ihrem Streik für eine Landreform unterstützt hatte und deswegen ermordet wurde. Während Christen und Christinnen die Erinnerung daran wachhalten, fällt der LINKEN nur die Forderung ein: „Tanze-wenn du willst“. Diese Forderung passt sich in die Forderung ein, dass Sonntage frei sein sollen für Konsum und Geschäftemachen. Im Kern ist sie deshalb eine neoliberale Forderung. Die LINKE in NRW dünkt sich links und ist neoliberal, denn ihr fehlt ein Begriff von Freiheit und Toleranz. Das passt zum Parteitagsbeschluss der LINKEN in Sachsen, die ihr laizistisches Programm in Anlehnung an die Französische Revolution betitelt hatten „Liberté, Egalité, Laicité“. Doch dabei haben sie die Fraternité, die Brüderlichkeit/Solidarität durch Laicité ersetzt. Und zurück blieb ein Programm, das auch der FDP gut ansteht: Freiheit und Gleichheit, doch ohne Brüderlichkeit. Unter der Hand mutiert die LINKE dann zu einer ebenso neoliberalen wie laizistischen Weltanschauungspartei. Denn der Laizismus ist keineswegs per se links und progressiv wie Frankreich  zeigt, wo im Namen des Laizismus eine Frau am Strand genötigt wurde, eine Bluse auszuziehen, die an einen – verbotenen – Burkini erinnert. So wie der Sonntag auf den biblischen Sabbat zurückgeht, der an die Befreiung von Sklaven aus dem Sklavenhaus Ägypten erinnert und deshalb einen Freiheitstag institutionalisiert, so ist der Karfreitag ein Erinnerungstag an Jesus, dem  Opfer des Imperiums Roms und an all die Opfer heutiger Imperien. Und übrigens: Schlimmer noch als eine Jenseitsvertröstung der Religion ist eine säkulare Jenseitsvertröstung, die keinen Trost für die Opfer der Geschichte kennt und dann noch zum Programm macht, die Erinnerung an die Leidenden und Opfer der Imperien durch Konsum und Party abzutöten.

Auf Kommentare freut sich: Prof. Dr. Franz Segbers, Sozialethiker Universität Marburg

Ein Gedanke zu „Franz Segbers: Stille Tage

  1. In absehbarer Zeit wird das Bundesverfassungsgericht über diese Angelegenheit entscheiden. Die Argumentation der Gegner von Stillen Tagen aus religiösen Gründen kann aus der Verfassungsbeschwerde von Herrn Martin Budich nachvollzogen werden:

    http://religionsfrei-im-revier.de/wp-content/uploads/2016/07/verfassungsbeschwerde.pdf

    Ich fände es allerdings viel zielführender über einen stillen Tag nach zu denken, der an den Beginn und die darauf folgende bestialische Ermordung von Millionen von Juden durch Deutschland erinnert, als nur eines bestimmten Juden zu gedenken.

    Die Auseinandersetzung um die „stillen Tage“ werden wohl auch nach einem Gerichtsurteil nicht abbrechen. Aber es gibt doch einen Unterschied, ob am Karfreitag Menschen ihren Geburtstag feiern dürfen in einem konzessionierten Raum oder ob die Loveparade am Karfreitag stattfände.

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