Heinrich Fink: Emil Fuchs: Gerechtigkeit und Frieden – Ein biblisches Gebot oder: Wie er zu Karl Marx und den Religiösen Sozialisten kam

Von Begegnungen und Gelesenem

Heinrich Fink auf dem evangelischen Kirchentag 2017

Von Emil Fuchs hörte ich zum ersten Mal 1954, als ich an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin an einer Einführungsvorlesung für Neuimmatrikulierte teilnahm, in der die Professoren sich selbst und ihr Fach vorstellten. So auch Prof. Dr. Erich Fascher, der gerade als Neutestamentler von der Universität Greifswald nach Berlin berufen worden war.

In der Vorlesung zuvor hatte der Systematiker Prof. Dr. Heinrich Vogel versucht, uns Anfängern klarzumachen, dass der Kirchenkampf mit den Kirchengemeinden und ihren Pfarrern, die zum Beispiel auf der «arischen» Abstammung Jesu bestanden und das «Alte Testament der Juden für die christlich-deutsche Frömmigkeit als unzumutbar» ansahen, noch keineswegs ausgestanden sei. Die Bekennende Kirche sei Minderheit geblieben. Jahre vor der 1933 erfolgten Machtübertragung auf Adolf Hitler wären leider auch Pfarrer bereits Mitglieder der NSDAP gewesen, und in pro-arischer Stimmung hätten Kirchengemeinden später sogar akzeptiert, dass etwa in Eisenach ein von der Thüringer Kirchenleitung und der Theologischen Fakultät Jena verantwortetes Institut ein «vom jüdischen Einfluss gereinigtes Neues Testament» erarbeitete. Erst mit der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai wurde das Institut geschlossen. Dieses «Neue» Testament war schon fertiggestellt, aber nicht mehr gedruckt und ausgeliefert worden.

Von dieser angeblich noch in Kirchengemeinden aktiven Kontroverse verstanden wir Neulinge so gut wie nichts. Aber andererseits waren uns Namen wie Dietrich Bonhoeffer, der noch im April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet worden war, und Martin Niemöller, der das KZ in Dachau überlebt hatte, durchaus geläufig.

Bevor Erich Fascher seine Ausführungen begann, fragte er uns fast vertraulich, ob sein Kollege Heinrich Vogel auch über ihn gesprochen habe. Diese Frage blieb uns unklar. Hätte er auf der Seite Bonhoeffers, Niemöllers und Paul Schneiders erwähnt werden sollen oder gehörte er etwa auf die Seite des Eisenacher Instituts zur Arisierung des Neuen Testaments?

Inzwischen hatte Fascher eine neben dem Lesepult liegende Liste der Gastvorlesungen für das neue Semester angesehen und fragte, sichtbar erregt, die älteren Studenten im Saal, wer denn Professor Emil Fuchs auf diese Liste gesetzt hätte; denn einen Religiösen Sozialisten wie ihn könne man doch nicht «ernsthaft auf Theologie befragen». Er, Fascher, kenne Fuchs nämlich schon seit den 1930er Jahren in Thüringen und habe erlebt, wie er die Thüringer Kirchenleitung öffentlich wegen der Missachtung der Religiösen Sozialisten kritisiert hatte.

Weil ich von Pfarrer Albrecht Schönherr, einem Freund und Schüler Dietrich Bonhoeffers, in der Jungen Gemeinde in Brandenburg wiederholt gehört hatte, dass sich die Thüringer Landeskirche dem Naziregime seit 1933 zunehmend verbunden gefühlt und schließlich bereitwillig die Position der Deutschen Christen akzeptiert hatte, vermutete ich, dass Prof. Fascher wohl nicht auf der Seite der Bekennenden Kirche gestanden hat.

Ein Student, der sich wohl mitverantwortlich fühlte, erklärte: Wir Studenten haben Professor Fuchs eingeladen, von seiner Reise in die Sowjetunion und speziell über die Begegnung mit der Russisch-Orthodoxen Kirche zu berichten.

Prof. Fascher reagierte auf diese Information kühl: «Reisebericht mag ja gehen, aber zu theologischen Fragen, meine ich, kann Fuchs jedenfalls nichts beitragen.» Wir baten ihn, uns doch zu erklären, wie er die Position von Emil Fuchs verstehe, weil uns diese Auseinandersetzung um Fuchs und die Thüringer Kirchenleitung doch unbekannt sei. Fascher erklärte, dass es ihm und seinen Freunden damals um eine neue deutsche Theologie gegangen sei in einer Zeit, da Deutschland sich in der Welt «neu erfinden musste». Und genau in dieser schweren Zeit hätten die Religiösen Sozialisten Deutschland nach links verraten. Emil Fuchs habe sich außerdem noch mit der Religionsgemeinschaft der Quäker verbündet, Karl Barth sei in die Schweiz zurückgegangen und Dietrich Bonhoeffer zu Gastvorlesungen nach Amerika. Wir aber, so Fascher, wollten für Deutschland eine neue christliche Theologie erarbeiten – für deutsche Christen.

Nach einer kleinen Pause ging Fascher zu seinem Thema «Neues Testament und seine Bedeutung für die Theologie» über.

Ich jedenfalls war neugierig darauf, Professor Emil Fuchs aus Leipzig kennenzulernen.

Seine Gastvorlesung fand tatsächlich im Spätherbst 1954 an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität statt.

Da stand ein kleiner Mann neben dem Rednerpult und freute sich, dass ein aufmerksamer Student noch schnell eine Art kleiner «Fußbank für den Referenten» aus einem anderen Hörsaal geholt hatte. Die Veranstaltung war nur mäßig besucht – keine Professoren, aber drei Studentenpfarrer, von denen auch ich schon wusste, dass sie enge Freunde von Dietrich Bonhoeffer gewesen sind: Gottfried Forck, Helga Weckerling, geb. Zimmermann, und Rudolf Weckerling. Ich war anfangs überrascht, dass ein Student moderierte, aber auch er wurde durch die zugewandte Freundlichkeit von Emil Fuchs sehr bald sicher in seiner Aufgabe.

In der Berliner Marienkirche hatte ich inzwischen Predigten von Bischof Otto Dibelius gehört und war erstaunt, dass er die Gemeinde mit Nachdruck zum Widerstand gegen den Atheismus aufrief, durch den die Mitmenschlichkeit zerstört würde. Nun hörte ich von Fuchs, dass die Menschen durch bittere Erfahrungen mit Ungerechtigkeit und Unfrieden keine Hoffnung mehr in die Kirche setzen würden.

Emil Fuchs erwähnte, dass er in einem streng lutherischen Pfarrhaus aufgewachsen sei und große Hochachtung vor seinen Eltern gehabt hätte, weil diese ständig um Abhilfe der Not in Arbeiterfamilien bemüht waren. Er selbst hätte als Abiturient 1894 erstmalig von dem Pfarrer Friedrich Naumann gehört, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse unbedingt geändert werden müssten, weil durch die an sich positive Industrialisierung die Arbeitslosigkeit steigen würde, wenn die immer reicher werdenden Reichen den Gewinn nicht mit den Arbeitern teilten. Friedrich Naumann habe dann auch gesagt, dass er Sozialist sei und, weil er Christ sei, gründlich die Bibel lesen würde, aber um gesellschaftliche Prozesse zu verstehen, müsse man auch unbedingt Karl Marx lesen.

Und dies hätte Fuchs nach dieser für sein Leben entscheidenden Begegnung mit diesem überzeugten «christlichen Sozialisten» auch gemacht.

Nach seinem ersten Theologischen Examen wäre er allerdings noch überzeugt gewesen, dass Wehrdienst eine Christenpflicht ist, dies habe er später durch die Begegnung mit Quäkern auch völlig neu in biblischen Zusammenhängen verstehen gelernt. Durch diese in England entstandene konsequente Gemeinschaft christlicher Kriegsdienstverweigerer hätte er überhaupt erst begriffen, dass die Christen der ersten Gemeinden ihre Taufe zugleich als öffentliche Absage des Wehrdienstes, das Kriegshandwerk überhaupt erst erlernen zu wollen, verstanden. Denn: Getaufte morden nicht! Seitdem hätte er völlig neu verstanden, dass alle Fragen von Krieg und Frieden, Armut, Reichtum und Gerechtigkeit direkte Herausforderungen an die Christen, die Kirchen, aber auch an die Theologen sind.

Und deshalb sei ihm eine Reise in die Sowjetunion nach dem mörderischen Überfall 1941 durch Deutschland ein dringlicher Wunsch gewesen. Emil Fuchs begründete diesen Wunsch damit, dass er mit seinen Freunden große Hoffnung in die Oktoberrevolution von 1917 gesetzt hätte. Es sei für ihn immer noch schmerzhaft, dass sein Vaterland einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg sogar nach einem sorgfältig erarbeiteten Generalplan-Ost geführt habe. Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wären ihm immer ein Bedürfnis gewesen.

Von diesen für mich völlig überraschenden sozialismusfreundlichen Ausführungen war ich regelrecht irritiert, denn auch ich gehörte ja zu den «christlichen» Schülern, die ein Jahr zuvor, 1953, durch die hitzigen Auseinandersetzungen zwischen DDR-Regierung und Evangelischer Kirche darüber, ob die Junge Gemeinde eine illegale, weil aus der Bundesrepublik organisierte Vereinigung sei, in der Oberschule plötzlich am Pranger gestanden hatten. Wir alle hatten das als eine Kampfansage gegen die Religion verstanden.

War das also beiderseits ein Irrtum?

Nun erlebte ich einen betagten Theologieprofessor, der schon 1930 mit den Religiösen Sozialisten eine Protestschrift gegen den Nationalsozialismus verfasst hatte, als evangelische Pfarrer bereits in die NSDAP eintraten. Und ihm wurde schon 1933 in Kiel die Professur entzogen, er wurde verhaftet und musste schließlich emigrieren. Nach der Befreiung vom Faschismus bewarb er sich in den westlichen Besatzungszonen vergeblich um ein Pfarramt oder eine Möglichkeit zu unterrichten. Und nun stand er vor uns DDR-Studenten und wiederholte dringlich den Rat Friedrich Naumanns, der ihn 1894 wachgerüttelt hatte: «Lest die Bibel und Karl Marx!»

Er betonte wiederholt, dass es für ihn ein bewegendes Ereignis sei, als noch aktiver Emeritus hier an dieser Theologischen Fakultät zu sprechen, deren erster Dekan 1810 Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher gewesen ist, an der jedoch 1933 ohne wahrnehmbaren Protest seitens des Lehrkörpers und der Studenten bei der Bücherverbrennung vor dem Hauptgebäude auch die Werke von Heinrich Heine und Karl Marx in die Flammen geworfen wurden; dieselbe Fakultät, die den gerade zum Privatdozenten berufenen Dietrich Bonhoeffer 1936 wieder entlassen habe, weil seine Theologie und sein Eintreten für die jüdischen Kommilitonen für deutsche Studierende unzumutbar sei.

Es ging Fuchs in keiner Weise um verurteilende Konfrontation, sondern um eine wache, verantwortungsvolle Auseinandersetzung und um Gerechtigkeit und Frieden, wie sie besonders von den alttestamentlichen Propheten eindrücklich überliefert sei. Jedenfalls hätten für ihn die Amos-Texte eine entscheidende Rolle gespielt, christlicher Sozialist zu werden.

Keinen der Anwesenden wunderte es, dass die anschließende Diskussion lebhaft und kontrovers war. Fuchs antwortete auch auf Fragesteller, die durchaus nicht mit seinen Ausführungen einverstanden waren, freundschaftlich, denn er war sich wohl bewusst, dass wir jungen Theologen noch erheblich herausfordernde Lernprozesse würden bestehen müssen.

Jedenfalls fuhr Emil Fuchs dann nach Leipzig zurück, und Heinrich Vogel, Mitglied der Bekennenden Kirche, und Erich Fascher, Mitglied der Deutschen Christen, gehörten fünf Jahre zu unseren Lehrern.

Der Lebenslauf von Emil Fuchs ist in den Beiträgen dieses Buches schon ausführlich beschrieben worden. Darum werde ich nur wenige Namen und Zusammenhänge nennen, von denen ich überzeugt bin, dass sie für Fuchs herausfordernde oder gar prägende Bedeutung dafür hatten, dass er zu einem gesellschaftlichen, kirchenkritischen Theologen wurde, der sich aber nicht von seinem dogmatisch lutherischen Vater distanzierte, weil die im Elternhaus erlebte warmherzige Freundschaft lebenslang zu seinen wichtigsten Erfahrungen zählte.

Emil Fuchs wurde am 13. Mai 1874 in Hessen geboren, wo sein Vater Gemeindepfarrer in Beerfelden war. Von Kind an erlebte er, dass auch in diesem Ort nicht nur Handwerker, sondern auch kleine Betriebe mit dem Siegeszug der Industrialisierung nicht konkurrieren konnten. Ständiges Thema im Pfarrhaus war, wie man den von Arbeitslosigkeit betroffenen Gemeindegliedern beistehen könne.

Obwohl der Vater ein durchaus konservativer Lutheraner war, erzählt Emil Fuchs in seinen 1962 erschienenen Lebenserinnerungen von einer für ihn lebenslang prägenden kindlichen Wahrnehmung bei einem Familienspaziergang zu einem am Ortsrand gelegenen verödeten Grundstück. Der Vater habe deutlich betroffen erzählt, dass in dieser einst erfolgreichen Weberei auch viele Frauen und Männer seiner Kirchengemeinde gearbeitet hätten, die nun schon lange arbeitslos seien, weil die Weberei mit dem neuen Tempo der industriellen Fertigung nicht habe mithalten können. Aber weil diese Arbeitslosen schon damals am Wohnort keinen Verdienst gefunden hätten, hätten sie in Nachbardörfern oder nahen Städten nach neuen Lebensmöglichkeiten suchen müssen, wobei viele durch diese Entwurzelung gescheitert wären.

Als Fuchs im Frühjahr 1894 den Vortrag von Friedrich Naumann hörte, habe er erstmalig verstanden, dass christliche Frömmigkeit mehr Engagement fordere als nur persönliche Bewährung mithilfe von Martin Luthers Kleinem Katechismus.

Naumann sprach wie selbstverständlich davon, dass jeder Christ vor Gott nicht nur Verantwortung für sich selbst habe, sondern für alles, was in der Gesellschaft geschieht: gebotene Gerechtigkeits- und Friedensverantwortung.

Fuchs fühlte sich betroffen und konnte gar nicht verstehen, dass viele der Zuhörer auf die von Naumann dargelegte biblisch gebotene Verantwortung mit deutlicher Unmutsbezeugung reagierten. Mit solchen Überlegungen war er weder im Religionsunterricht noch im Elternhaus konfrontiert worden. Naumann betonte, dass die begrüßenswert wirtschaftlich-technischen Fortschritte keineswegs mit der Verarmung der Arbeiter bezahlt werden dürften, denn in einem christlichen Land dürfe die Industrialisierung mit ihrem Gewinn für die kapitalistischen Unternehmer nicht zulasten der Arbeiter gehen, sondern die Arbeiterschaft müsse am Gewinn beteiligt werden.

Zugleich war Fuchs von Naumanns Ausführungen verblüfft, denn in seiner Frömmigkeit hatte die biblische Forderung nach Gerechtigkeit für alle durchaus einen Platz, hatte aber nichts mit der Stellung der Arbeitslosen zu tun. Der Hinweis von Naumann, dass ein ernsthafter Christ deshalb die Bibel und die Werke von Karl Marx lesen müsse, war für ihn seitdem eine lebenslange Verpflichtung. Bis zu der Begegnung mit Friedrich Naumann hatte er die Befreiung der in Ägypten versklavten Hebräer durch Moses als ein Wunder und nicht als ein aktuelles biblisches Gebot angesehen, das auch für Christen gilt.

Im gastfreundlichen Elternhaus konnten die Freunde seines älteren Bruders sogar in den Ferien übernachten, wenn sie bis in die Nacht hinein über Literatur und Kunst diskutiert und des Öfteren auch lange musiziert hatten. Als jüngerer Bruder profitierte Emil begierig von diesem Freundeskreis, zu dem zum Beispiel auch der Mitschüler Stephan George gehörte. Aus diesem Kreis gingen später berühmte Dirigenten und bekannte Wissenschaftler hervor. Auch die ersten Dramen von Gerhart Hauptmann gehörten zu ihrer beflügelnden Lektüre. Sie fühlten sich den realen Lebensfragen durchaus näher als manche Erwachsene, die ihnen wie «behagliche Philister» vorkamen, für die auch der Geist der deutschen Dichter und Denker und sogar die Frömmigkeit Luthers nur zur bürgerlichen Bildung zählten.

Die Eltern wurden von den Kindern und ihren Freunden verehrt – erst recht, als der Vater in das Gymnasium seiner Söhne mit dem Vorwurf zitiert wurde, sie würden unerlaubt Nietzsche lesen. Vater Fuchs, obwohl er selber eine sehr kritische Nietzsche-Broschüre geschrieben hatte, widersprach den Studienräten: Seine Söhne dürften jedenfalls alles lesen, um sich als Christen damit auseinanderzusetzen.

Emil Fuchs vertagte Probleme und auch dringliche Fragen getrost auf die Zeit an der Universität, und es war wieder Friedrich Naumann, der ihm empfahl, sich mit Schleiermachers «Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern» (1799) zu beschäftigen.

Für Fuchs war es ein glücklicher Zufall, dass er sein Studium an der Theologischen Fakultät der Universität Gießen aufnehmen konnte, denn diese Fakultät fühlte sich der Kritischen Theologie verpflichtet, was ihr allerdings in Kirche und konservativem Bürgertum viel argwöhnische Kritik einbrachte. Fuchs fand ebenso kritische wie engagierte Kommilitonen vor. Sie beschäftigten sich solidarisch mit dem Streik der Hafenarbeiter in Hamburg und dem der Textilarbeiter in Crimmitschau. Sie verstanden, dass die Arbeiter keine andere Möglichkeit hatten, die Reichen auf ihre dramatische Verarmung aufmerksam zu machen. Dafür allerdings hatte er in Schleiermachers aufklärender Rede keine erklärende Antwort gefunden.

Bald bemerkte er, dass auch andere Theologiestudenten Karl Marx studierten und dass der noch sehr junge Professor Gustav Krüger die Studierenden in ihrer zuerst noch zaghaften Solidarität ermutigend unterstützte. Fuchs hatte später als wichtigstes Erlebnis seiner Studienzeit benannt, dass ihm in einer alttestamentlichen Vorlesung über Propheten an Amos Texten klar geworden sei, dass dessen Eintreten für gesellschaftliche Gerechtigkeit auch ein verbindliches Gebot für die Christenheit sei. Denn in Amos 2, 6 stehe: «Das Gericht trifft diejenigen, die die Unschuldigen um Geld und die Armen um ein paar Schuhe verkaufen.»

Rückblickend meinte Fuchs, dass dieses Amos-Erlebnis sein erster Schritt auf dem Wege zu den Religiösen Sozialisten gewesen sei. Er lernte verstehen, dass Frieden immer erst die Frucht von gleichberechtigender Gerechtigkeit sei.

Nach dem ersten Theologischen Examen und dem Wehrdienst, nach Predigerseminar, Ordination und Lizenziat-Dissertation geht Fuchs für ein Jahr als Vikar nach England in eine deutsche Kirchengemeinde, um sich, wie er schreibt, in einem mehr oder weniger verkommenen Stadtteil in Manchester um verarmte deutsche Arbeiter zu kümmern.

1904 lehnt er das ehrenhafte Angebot von Professor Kattenbusch ab, sich in Gießen zu habilitieren, denn er will lieber in einer Kirchengemeinde arbeiten, die möglichst in einem Industriegebiet liegt. Er geht nach Rüsselsheim, weil diese Kleinstadt sich durch die Opelwerke in kurzer Zeit zum Industrieort entwickelte. 1918 wird er in Eisenach zum Gemeindepfarrer gewählt. Er tritt nun in die SPD ein und ist aktiv bei der Gründung einer Gruppe Religiöser Sozialisten. 1930 nimmt er am internationalen Kongress der Religiösen Sozialisten teil, wo eine dringliche Botschaft an die europäische Christenheit gerichtet wird, die eine nachhaltige Warnung vor dem bedrohlichen deutschen Faschismus ist:

«Erklärung des Bundes Religiöser Sozialisten gegen den Faschismus

Der Kongress der Religiösen Sozialisten Deutschlands sieht mit großer Besorgnis die innere und äußere Haltlosigkeit der christlichen Kirchen gegenüber den gefährlichen Absichten des Faschismus.

Die bürgerlichen, kirchlichen Kreise stimmen den Bestrebungen der Faschisten darum vor allem völlig kritiklos zu, weil sie eine Sicherung der für sie vorteilhaften wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse erhoffen.

Die Religiösen Sozialisten fühlen sich verpflichtet darauf hinzuweisen, dass durch die faschistisch-nationalsozialistische Propaganda der vorchristliche, heidnische Machtstaat, die Vorherrschaft der Gewalttätigen und Selbstherrlichen wieder aufgerichtet werden soll. Es ist ihnen darum vollkommen unbegreiflich, dass der von dem nationalsozialistischen Minister Frick herausgegebene Schulgebetserlass, der das christliche Gebet zu faschistischer Gesinnungsbildung und Parteipolitik missbraucht, nicht sofort auf den schärfsten Widerspruch der thüringischen Landeskirche gestoßen ist. Die unentschlossene Haltung der Kirche erweckt den Anschein, als ob sie Angst habe, gegenüber der Brutalität und Rückschrittlichkeit des Faschismus die Forderungen christlicher Frömmigkeit zu verteidigen, als ob die Kirche den Staat ermächtige, Schulgebete vorzuschreiben, die dem Geist des Christentums, dem Geist der Liebe und brüderlichen Gemeinschaft, widersprechen.

Es ist notwendig, diese Führungs- und Kraftlosigkeit des thüringischen Kirchenregiments festzustellen und die entschiedenen Christen aufzufordern, sich den Religiösen Sozialisten anzuschließen, die sich allein mit aller Entschlossenheit gegen die Indienststellung des christlich-kirchlichen Gebets für die Hasspropaganda der Faschisten gewendet hat.

Die Religiösen Sozialisten begnügen sich nicht damit, dass das Reichsgericht einen Teil der Gebete des thüringischen Innenministeriums wiederholt zurückgewiesen hat, sie müssen auch die nicht beanstandeten Gebete, darunter das aus einer Gebetssammlung des Landeskirchenrats stammende, als zweideutig und unzulänglich energisch zurückweisen. Die Vorkommnisse in Thüringen sollten alle Christen in Deutschland hellhörig machen und die Gefahr erkennen lassen, die christlicher Art und Lebensgestaltung vom Faschismus her drohen.» (Bund Religiöser Sozialisten in Deutschland 1930)

Die gleichzeitig veröffentlichte ausführliche und eindeutige Warnung vor dem aufkommenden Faschismus in Deutschland wurde zwar zur Kenntnis genommen, löste jedoch keine kirchlichen antifaschistischen Reaktionen aus. Zu viele Christen vermuteten wohl, dass die Religiösen Sozialisten den irgendwie verblüffenden «Aufschwung» in Deutschland nur kleinreden wollten. Möglicherweise war der bürgerlichen Christenheit in Europa der deutsche Faschismus mit dem Tarnwort «positives Christentum» sogar sympathischer als der atheistische Sozialismus in der Sowjetunion.

Beschämend ist nur, dass diese frühe kirchliche, eindeutig antifaschistische Stellungnahme von den Christen in Deutschland und auch von den Kirchen nach dem Kriegsende vergessen worden ist, weil ja schon die «Barmer Theologische Erklärung» der Bekennenden Kirche von 1934 als ein überholter Text angesehen wurde, der angesichts der täglichen Konfrontation mit Kriegstrümmern, Mangel und deutschen Flüchtlingsströmen keine aktuelle Bedeutung mehr hatte. Was bedeutete da schon ein innerkirchlicher Streit der Bekennenden Kirche mit den judenfeindlichen Deutschen Christen?

Aber der Text von 1930 hatte vor dieser nun einsetzenden Verelendung und europaweiten Zerstörung durch den deutschen Faschismus gewarnt!

Da war das «Stuttgarter Schuldbekenntnis» vom August 1945 schon brauchbarer: Leid, so heißt es da, hätte Deutschland über die Völker gebracht; keine Benennung des deutschen organisierten Terrors in den Konzentrationslagern, der Vernichtung der Juden bei der Plünderung der besetzten Länder. Das klingt fatal nach verabredeter Verharmlosung von Faschismus und Zweitem Weltkrieg.

1931 wird Emil Fuchs als Professor an die Pädagogische Akademie Kiel berufen, aber 1933 schon wieder entlassen. Denn es ist ja kein Geheimnis, dass er auf internationaler Ebene bei den Religiösen Sozialisten mitarbeitet und ebenso mit den Quäkern Waffendienst und Krieg ablehnt. Den antifaschistischen Appell der europäischen Tagung hatte er mit erarbeitet.

Die Jahre bis 1945 sind gekennzeichnet von seiner Verhaftung und der des Schwiegersohns Gustav Kittowski und der folgenden schweren nervlichen Erkrankung seiner Tochter Elisabeth.

Emil Fuchs emigriert. Sein Sohn Klaus arbeitet als englischer Staatsbürger in den USA im deutschen Physikerteam an der Entwicklung der Atombombe, die für Deutschland bestimmt war.

Nach 1945 nimmt Emil Fuchs die Arbeit in der hessischen SPD sofort wieder auf und bemüht sich um die Religiösen Sozialisten und die Quäker. Er bemüht sich vergeblich, in den westlichen Besatzungszonen wieder in den Dienst als Pfarrer zu kommen oder in eine Lehrtätigkeit. Aus Berlin hört er, dass Otto Dibelius durch eine Kirchenkampagne verhindern würde, dass Fuchs als Religiöser Sozialist in die Theologische Fakultät käme. Schließlich wird ihm eine Professur für Religionssoziologie in Leipzig angeboten. Er absolviert noch Gastvorlesungen in den USA an einer Hochschule der Quäker in Philadelphia und nimmt dann die Berufung nach Leipzig an.

1948 veröffentlicht er, noch in Offenbach, «Christentum und Sozialismus» und sein programmatisches Buch «Das innere Licht. Die Botschaft und Arbeitsweise der Quäker».

Sein öffentlich übergebener Abschiedsbrief an den Vorsitzenden der SPD, Kurt Schumacher, ist eigentlich für ein Zitat in dieser Veröffentlichung zu lang, aber weil dieser Brief auch im Jahre 2016 ein wichtiges, unentbehrliches Zeitzeugnis ist, möchte ich ihn hier zitieren:

«Frankfurt (Main-)Eschersheim, Oktober 1949

Werter Genosse Schumacher!

Es scheint mir richtig, dass ich Ihnen, dem auch von mir verehrten Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Rechenschaft gebe über die Gründe, die mich bewegen, eine Berufung nach Leipzig als Professor für christliche Ethik und Religionssoziologie anzunehmen.

Diese Berufung bietet mir die Möglichkeit, die Erkenntnisse auf diesen Gebieten, die ich mir im Laufe eines schweren Arbeitslebens errungen habe, in den letzten Jahren meines Lebens auszubauen und weiterzugeben. Wenn man das Bewusstsein hat, dass man etwas Wertvolles weiterzugeben hat, so wird man sich dahin gezogen fühlen, wo der Wunsch laut wird, daran teilzunehmen. Doch spielen auch Gründe der politischen Lage und Entwicklung mit, die ich gerade Ihnen gegenüber aussprechen möchte, damit die Menschen, die mich kennen, in voller Klarheit sehen, was mich bewegt. Ich habe von 1945 an viele Vorträge für unsere Partei und verwandte Bewegungen gehalten, in denen ich immer wieder Folgendes ausführte:

Der Zusammenbruch des kapitalistischen Systems hat dem deutschen Volke die Möglichkeit und die Aufgabe gegeben, aus den Trümmern eine neue, auf gegenseitiger Hilfe ruhende Wirtschaftsordnung zu schaffen – ohne Gewalt und Blutvergießen. Es wäre ein Verbrechen, wenn man diese Gelegenheit vorübergehen ließe und ein neuer Ausbruch der Katastrophe nötig würde.

Ich habe immer auch unsere jungen Menschen auf die wunderbaren Möglichkeiten hingewiesen, an einem großen Werke der Zukunft mitzuarbeiten bei aller Härte ihres Lebens.

Nun ist das deutsche Volk im Begriff das zu tun, was ich Verbrechen nannte und nenne. Die heute an der Spitze stehenden Menschen lenken es auf ein Wettrennen um persönliches Vorwärtskommen, und durch dieses Wettrennen der Selbstsucht will man den wirtschaftlichen Aufbau bewirken. Die Korruption, die es verstand, durch die Notzeit hindurch sich Werte zu bewahren und immer wieder zu erringen, setzt sich an die Macht; und deutlich ist der Wille, unser Volk als politisches Werkzeug jedem zur Verfügung zu stellen, der der aufsteigenden besitzenden Schicht Möglichkeiten wachsender Vermögens- und Machtbildung bietet.

In einem Volke, das durch diese Katastrophe ging, steigt die Erwerbslosigkeit der einen auf, während die anderen schwelgen. Für die Flüchtlinge geschieht nichts, da diejenigen ihre Opfer verweigern, die in Worten und Machtbegehren so unendlich patriotisch sind …

Wie nach 1918 durften die Arbeitermassen in der Zeit der Not durch ihre in Dürftigkeit geleistete Arbeit und ihr ruhiges Verantwortungsgefühl den Aufbau tragen. Sobald es soweit ist, dass das Bürgertum sich wieder gesichert fühlt, macht man brutal deutlich, dass der Erfolg des Aufbaus denen zu gehören hat, die klug und selbstsüchtig genug sind, ihn den anderen wegzureißen.

Ein zweiter Grundgedanke meiner Vorträge war immer der, dass wir den Aufbau des Wirtschaftslebens mit friedlichen Mitteln nur vollziehen können, wenn christliches Gewissen und christlicher Glaube mitwirken, die verantwortungsstarke Energie zu schaffen, die wir dazu in allen Teilen unseres Volkes nötig haben … Auch in dieser Hoffnung bin ich bitter enttäuscht. Der Kreis sogenannter christlicher Menschen, der durch die Katastrophe nicht nur in Angst gejagt wurde, sondern wirklich erschüttert und erneuert ist, hat sich als sehr klein erwiesen. Die Massen der Christen und ihrer Geistlichen sind nach dem Abflauen der Angst in das alte gutbürgerliche Christentum zurückgesunken, das nun Politikern die Möglichkeit gibt, die Aufrichtung neuer Klassenherrschaft als Rückkehr zum Christentum zu bezeichnen.

Und selbst die Erschütterten lassen sich durch eine verhängnisvolle theologische Missbildung zu dem Glauben bringen, mit der Festlegung von Bekenntnissen und Überlieferungen eine wirksame Kirche zu bauen … Hier könnte nur ein aus tiefster Erschütterung erneuertes Christentum wirksam helfen, und eben das dämmt man ab … Für einen ernsthaften Christen ist es ein bedrückendes Schauspiel mitzuerleben, wie selbstverständlich leitende Kreise der Kirche dartun, dass ihre Haltung von 1945 nur Konjunktur war und sie gewillt sind, ebenso mit der öffentlichen Meinung des Bürgertums hin- und herzuwanken wie von 1918 bis 1933 …

Wir haben nicht die Menschen, die gelernt haben, dass in solcher Zeit nicht nur das die Aufgabe ist, die täglich aufsteigenden Probleme als Volkswirtschaftler oder Politiker zu bewältigen, sondern dass es gilt, diese Fragen in einer neuen, weiten Schau und in einem neuen starken Geist und Glauben zu bewältigen. So haben wir nicht das absolute Nein zur Korruption. Wir haben nicht die unbedingte Klarheit, dass das Wettrennen um den persönlichen Vorteil nur verhängnisvoll sein kann. So haben wir auch nicht die deutliche Kraft, das Vertrauen zu wecken, dass auch ein Zusammenarbeiten der Völker möglich ist …

Unter all den klugen und guten Grundsätzen, die die SPD für ihre jetzt beginnende Arbeit aufgestellt hat, vermisse ich eine Erklärung: Klar und würdig müsste gesagt werden, dass die SPD dauernd dankbar an das denkt, was die Besatzungsmächte in den Zeiten nach dem Zusammenbruch für Deutschland getan haben, dass die SPD gewillt ist, für die friedliche Zusammenarbeit mit den anderen Mächten alle Kraft und all ihren Einfluss einzusetzen, dass sie sich aber nicht und nie zur Verfügung stellen wird, unser Volk in militärisch bestimmte und geführte Bündnisse hineinzuziehen, und dass sie gewillt ist, den energischsten Widerstand den Versuchen entgegenzustellen, die den Wiederaufbau des deutschen Volkes zu einem Wiederaufbau der alten wirtschaftlichen Machtpositionen gestalten und die von draußen kommende Hilfe zu einer Hilfe für die besitzende Schicht zur Unterdrückung der anderen machen wollen. Es müsste gesagt werden, dass solche Versuche sich klar gegen den deutlich bekundeten Willen der Mehrheit unseres Volkes richten, dass ihre Weiterführung nur die Demokratie vor dem deutschen Volke diskreditieren könne.

Eine solche Erklärung der Partei in Deutschland, die auf der sichersten Massengrundlage steht, würde ein Signal aufrichten, das allen Menschen in Deutschland, im Osten und Westen, einen Sammelpunkt zeigte und der Jugend, die beginnt, verantwortungsbewusst zu denken, eine Hoffnung gäbe. Weit über Deutschland hinaus würde dies Signal gesehen und die Bundesgenossenschaft weiter Kreise im Westen bis zu den United States sichern. Mit einer solchen Erklärung würde die Rolle Deutschlands in der Weltpolitik wieder beginnen, viel stärker, als die Mitgliedschaft im Europarat sie sichern könnte.

Heute schon sehen wir mit Erschrecken, was es für das deutsche Volk bedeutet, wenn zu der Entfesselung des wirtschaftlichen Wettrennens nun noch die Entfesselung militaristischer Hoffnungen käme …

Mit der Aufrichtung dieses Signals würde auch etwas vorbereitet, was wir als eine der Aufgaben schauen müssen – die Versöhnung mit dem Osten. Es muss uns allen deutlich werden, dass Russland und der Kommunismus ihre ungeheure, bezwingende Anziehungskraft für die Millionen der Verzweifelten haben und dass diese Anziehungskraft wächst, je mehr die Demokratie die Wege geht, auf denen sie die Völker um ihre Zukunft betrügt und zu Machtsphären des Kapitalismus macht. Hier scheint mir wieder einer der Fehler unserer Bewegung zu liegen: Man hat die Scheidung gegenüber dem Kommunismus in einer Weise vorgenommen, die das Verständnis für ihn völlig unmöglich macht und dadurch dem Wiederaufrichten es Kapitalismus Vorschub leistet. Ich stehe durchaus auf dem Standpunkt, dass wir alles tun müssen, um den Weg zur Neugestaltung der Gesellschaft durch Demokratie zu bahnen. Aber wir dürfen darüber doch nicht vergessen, dass bis jetzt diese Umgestaltung durch Demokratie, das heißt durch die Macht des Gewissens, noch nirgends geschehen ist, während der russische Kommunismus auf seine Weise eine Befreiung der Massen durchgeführt hat, die anziehend auf Millionen wirkt, dass in China die Befreiung des Bauernstandes in derselben Weise im Gange ist und bezaubernd wirkt, und dass die Dinge, die sich heute in Europa und besonders im deutschen Westen abspielen, denen recht geben, die sagen, dass formale Demokratie immer wieder zu demselben Bankrott führt, den die deutsche Republik erlitten hat.

Es gehört zu den Worten, die ein denkender Sozialist nicht anwenden dürfte, dass man die kommunistische Diktatur der der Nazis gleichsetzt. Die eine Diktatur wird von den Leuten gemacht, die in weichen Sesseln und in eleganten Arbeitszimmern sitzen, die ihre Landsknechte bezahlen, damit diese ihnen die Massen niederwerfen … Diese Diktatur kann nur die Völker gänzlich um ihr Verantwortungsgefühl bringen … Wir erleben heute in Deutschland oben und unten, was ein Jahrzehnt solcher Diktatur schon tut …

Die andere Diktatur steigt da auf, wo ein Verzweiflungsausbruch der Massen gegen übergewaltigen Druck stattfand … Nicht Lenin und Stalin sind die Schuldigen, sondern diejenigen, die jede Reform verhinderten, bis der Ausbruch kam. Für die kommende Katastrophe werden die die Schuldigen sein, die heute den Neubau hindern und damit einen neuen Ausbruch vorbereiten. Wir, die wir Karl Marx kennen, sollten wissen, dass er Diktatur des Proletariats nicht im Sinne des Glaubens an die Macht als letzten Sinn des Daseins meinte, sondern als eine schwere Aufgabe des Proletariats zur Befreiung der Menschheit, und wir dürfen nie vergessen, dass Männer wie Lenin und Stalin sich als Ausführende dieses Schicksals fühlten, hinter dem die Hoffnung steht, dass dieses Werk zu einer wahrhaften Befreiung des Menschseins führen werde … Als Christ bin ich der Überzeugung, dass die Macht wirklicher christlicher Frömmigkeit zu dieser Entwicklung Entscheidendes beitragen kann …

Meine Freunde rufen mich nach dem Osten, weil sie unter der Last ihrer schweren Aufgabe aufgewühlt genug sind, diese Kräfte zu fühlen und ihre Pflege und Klärung zu wünschen. So bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich in meiner Art und Haltung drüben mehr für die Entwicklung über die Diktatur zur wahren Freiheit tun kann als in der Demokratie hier, in der man seinen Weg ohne diese Kräfte in der Weise sucht, die die Menschen ablenkt von dem, was sie suchen müssten …

Dabei kann niemand wissen, ob ich es werde leisten können … Es scheint mir, dass von mir gefordert wird, dass ich als Christ meine Zuversicht auf die Macht des Geistes bewähre und als Deutscher meinen Glauben, dass ein Weg zu finden ist, der die Splitter Deutschlands wieder zusammenführt in einem neuen Geiste.

Wenn man das vielleicht Utopie nennen möchte, so sage ich, dass auch für die Politik die größte Weisheit in dem Worte liegt: ‹Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen.›

Möge es uns allen – auch der SPD – gegeben sein, die Wahrheit dieses Wortes zu erkennen und zu bestätigen und so wirklich Führung für die Zukunft zu werden.

In dieser Hoffnung grüße ich Sie und alle Genossen, die mein Wort wichtig nehmen,

Ihr ergebener Dr. Emil Fuchs»

In einem anderen Zusammenhang schrieb Emil Fuchs:

«In dieser Schau und mit bangem Herzen kam ich in die ‹Ostzone›, die dann ‹Deutsche Demokratische Republik› wurde.

Ich fand persönlich Freunde, die mir mein Leben hier schön und leicht machten. Ich fand viele christliche Menschen, die das nicht getan hatten, was ich nun mit großem Eifer unermüdlich tat, nämlich wirklich aufmerksam zu studieren, zu lernen, zu lesen, sich zu besprechen mit Sachverständigen, um zu erkennen, was hier gewollt wird. Ich fand eine gewaltige Arbeit aus Trümmern aufzubauen, die den Menschen Bitteres zumutete. Ich fand harte Energie, die Menschen zu dieser schweren Arbeit anzuspornen. Ich fand aber auch einen überraschend klaren, festen Willen, diese Menschen zu ihrer persönlichen Verantwortung zu rufen und zu bilden, und ich erkannte, dass das, was man drüben ‹Druck› und ‹Totalitarismus› nannte, das Ringen eines guten Willens mit den gewaltigsten materiellen und geistigen Nöten war, die noch verstärkt wurden durch das dauernde, bewusste Arbeiten des Westens, die materiellen Nöte zu vergrößern und die geistige Neueinstellung mit allen Mitteln zu verhindern. Ich fand, dass ich nirgends vor die Frage gestellt war, ob ich meine Meinung verbergen müsse oder Schwierigkeiten auf mich nehmen solle. Ich fand Vertrauen und Aufmerksamkeit, wo ich meine Meinung zum Ausdruck brachte, und konnte immer froher und zuversichtlicher arbeiten, obwohl ich immer deutlicher und klarer die Gewalt dieser Schwierigkeiten erkannte und mitfühlte.

Zu diesen Schwierigkeiten zählte durch diese ganzen Jahre die Verständnislosigkeit jener kirchlichen Kreise, die sich nie die Mühe gaben, das wirklich forschend zu erkennen, was hier eigentlich im Werden ist, die, im Gegenteil, mit allen Mitteln eines antistaatlichen Solidaritätsbewusstseins gegen denjenigen Stellung nahmen, der andere Wege ging, und mit ihm gegen den Kreis der christlich denkenden Menschen, die in gleicher Richtung wirkten und wirken.

Ich schließe diese meine Lebensbeschreibung ab, indem ich diesem kirchlichen Kreis dasselbe Wort Jesu Christi zurufe, das ich 1949 der SPD sagte und das sich an ihr so klar bestätigt hat: ‹Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.› (Matth. 16,25)

Leipzig, den 19. Oktober 1957» (Fuchs 1959b: 306–310)

Emil Fuchs war in die sowjetische Besatzungszone umgezogen, um seine Vorlesungstätigkeit an der Theologischen Fakultät in Leipzig aufzunehmen. Nur wenige Monate später wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Fuchs schrieb aus diesem Anlass an den Ministerpräsidenten Wilhelm Pieck, um seiner Hoffnung Ausdruck zu geben, dass die DDR nun, als souveräner Staat, eine eigenständige, konstruktiv-offensive Friedenspolitik beginnen könne, anstatt sich durch Wiederbewaffnung und allgemeine Wehrpflicht möglicherweise dem alten Muster des Militarismus zu beugen. Er bedauere außerordentlich, dass der Westen nach wie vor auf Konfrontation setze und damit die sozialistischen Länder ständig neu in Zugzwang brächte.

Wilhelm Pieck antwortete ausführlich auf diese Zeilen, die auch seine Hoffnung ausdrücken würden. Trotzdem sei er leider der keineswegs auf Verständigung ausgerichteten Alltagspolitik verpflichtet. Aber Pieck veranlasste, dass beide Briefe als Dokumente im Museum für Deutsche Geschichte ausgestellt wurden.

Der Dichter Wolfgang Borchert hatte – selber todkrank als Soldat dem Krieg entkommen – noch mit letzter Lebenskraft 1947 ein Antikriegstheaterstück geschrieben. In «Draußen vor der Tür» hat er das absurde Morden im Krieg als ebenso unmenschlich wie antichristlich angeklagt. In unzähligen Veranstaltungen, auch in Kirchen, in allen Besatzungszonen gelesen oder aufgeführt, hat Borchert viele Menschen aufgerüttelt, zumindest etwas nachdenklich gemacht. Mit seinem leidenschaftlichen «Nein zum Krieg» hat er auch die ChristInnen herausgefordert zu fragen, warum in Sachen Krieg und Frieden so viel christliche Irrlehre in den Köpfen nistet. Er sagt: «Die Gefallenen sind keine Helden, sie sind die unfreiwilligen Opfer einer schändlichen Politik.» Der verlorene Krieg war ein Segen. Der gewonnene Krieg wäre ein entsetzliches Verhängnis für die Völker der Welt geworden. Gerettet wurden Millionen, die vor allem aus Rassegründen in allen eroberten Ländern noch der Vernichtung durch die Nazi-Ideologie preisgegeben worden wären. «Wie konnte Gott es zulassen, dass wir den Krieg verloren haben?» So oft diese Frage gestellt wurde, ist sie ein Beweis dafür, dass sie nichts mit dem biblischen Gott zu tun hat. Die Quäker und Religiösen Sozialisten sagten, Gott habe die Besiegten, die in Konzentrationslagern und Gefängnissen oder durch Rassegesetze zum Tode Verurteilten, von ihren Mördern befreit.

Emil Fuchs war als evangelischer Theologe, als Religiöser Sozialist und als Quäker 1950 bewusst Mitglied des Weltfriedensrates geworden, der auf dem ersten Weltfriedenskongress gegründet worden war. Fuchs sah als akute Gefahr, wie sich alte Eliten mit alten Interessen in neuen Fronten formierten. Er sah deutlich, dass weltweit Kirchen aus ihren Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges ableiteten, nun eine Front gegen den angeblichen religionsfeindlichen Sozialismus stabilisieren zu müssen. Das war ein großes Hindernis in der Hoffnung darauf, dass es eine gemeinsame Verurteilung von Produktion und Anwendung atomarer Waffen durch die Weltchristenheit geben könnte. Fuchs jedenfalls war bereit, die dringliche Forderung von Bert Brecht zu unterstützen, «der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen». Fuchs wusste nur zu gut, dass unter diesen Feinden sehr viele Christen zu finden waren.

1958 lud Prof. Josef Hromádka nach Prag zu einer Allchristlichen Friedensversammlung ein. Er nannte dieses Treffen ein Experiment im Sinne von Dietrich Bonhoeffers mutiger Hoffnung, dass die Kirchen ihren Söhnen die Waffen aus der Hand nehmen und den Krieg verbieten würden. Für Hromádka war die Herausforderung durch atomare Waffen eine entscheidende Aktualisierung von Bonhoeffers Forderung, mit der dieser 1934 noch hoffte, dass ein zweiter Weltkrieg verhindert werden könnte. (Übrigens: Bischof Dibelius drohte den Pfarrern seines Berliner Bistums mit einem Disziplinarverfahren, wenn sie an dieser Konferenz in Prag teilnehmen und auch die Möglichkeit nutzen würden, in evangelischen Gemeinden in Prag zu predigen.)

Fuchs wollte auch dort seine Überzeugung einbringen, dass Christen geradezu verpflichtet seien, sich mit der sozialrevolutionären Botschaft der biblischen Propheten für Gerechtigkeit und Frieden in allen Gesellschaften einzusetzen. Überzeugt von der beharrlichen Friedensbotschaft der einst in England gegründeten Vereinigung der Freunde – später Quäker genannten Kriegsdienstverweigerer zählte er sich zu denen, obwohl die deutschen Kirchen auch nach der Befreiung vom Faschismus Waffendienstverweigerung nicht in die Glaubensverpflichtung für ihre Mitglieder einbezogen haben. 1661 hatten englische Christen vor ihrem König Karl II. ihre Überzeugung dargelegt: «Wir legen alle äußeren Kriege, Hader und Kämpfe mit äußeren Waffen ab – für jedes Ziel oder unter jedem Vorwand. Und dieses ist unser Zeugnis für die ganze Welt: Der Geist Christi, der uns führt, ist nicht veränderlich.» Und in diesem Entschluss der Quäker wurzelt auch die Entscheidung, statt Wehrdienst konkrete soziale Hilfe dort zu leisten, wo Menschen, besonders Kinder, durch Krieg in Not geraten sind.

Als am 2. Januar 1962 öffentlich wurde, dass nun auch in der DDR die allgemeine Wehrpflicht beschlossen sei, erbat Emil Fuchs umgehend einen Termin bei dem Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser, denn er fühlte sich persönlich verantwortlich für die jungen Quäker, die als DDR-Bürger nun aufgrund ihres Glaubensbekenntnisses den Waffendienst ablehnen mussten. Weil die Quäker eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft in der DDR waren, musste es eine Lösung geben. In der Bundesrepublik Deutschland, wo bereits im Juni 1956 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden war, gab es eine Wehrdienstverweigerungsklausel. Nun wollte Fuchs sich über die Bedingung für ein entsprechendes Recht in der DDR informieren. Er wurde begleitet von Horst Brückner, dem damaligen Schreiber (Vorsitzender) der Quäker. Auch mich hatte Fuchs gebeten, an diesem Gespräch teilzunehmen. Wir kannten uns schon lange aus der gemeinsamen Arbeit der internationalen Christlichen Friedenskonferenz, in der Wehrdienstverweigerung ein allerdings noch umstrittenes Thema war.

Staatssekretär Seigewasser war 1945 als Häftling durch den Einmarsch der Alliierten im Konzentrationslager Sachsenhausen auch zusammen mit Quäkern befreit worden. Am Anfang des Gespräches betonte der Staatssekretär, dass er uneingeschränkt dem Schwur von Buchenwald verpflichtet geblieben sei, auch wenn es aktuell dramatische Herausforderungen gebe, die die Frage von Krieg und Frieden betreffen. Im Gegensatz zu Fuchs und seinem Begleiter konnte ich mich nicht auf eine so überzeugende Tradition der Waffendienstverweigerung berufen, denn die dringliche Forderung von Dietrich Bonhoeffer von 1934, dass die Kirchen ihren Söhnen die Waffen aus der Hand nehmen und einmütig den Krieg verbieten müssten – wurde auch 1945 von den Kirchen nicht aufgegriffen und in Glaubensverpflichtung umgesetzt.

Es ergab sich ein ausführliches, vertrauensvolles Gespräch über die brisante Weltsituation angesichts des Wettrüstens auch mit atomaren Waffen. Jedenfalls war Seigewasser davon überzeugt, dass es eine Möglichkeit für wehrpflichtige Bürger geben müsse, die DDR «ohne Waffen» zu verteidigen. Die Entscheidung sollte nicht an eine religiöse Überzeugung gebunden werden. Es dauerte ein Jahr, bis die Entscheidung vorlag. Es wurden Baueinheiten eingerichtet, die eine Waffendienstverweigerung innerhalb der Volksarmee möglich machten. Diese Entscheidung war unter den sozialistischen Ländern sehr umstritten. In keinem anderen sozialistischen Land wurde ein Dienst ohne Waffen eingerichtet. Bis zum Ende der Volksarmee der DDR galt für Bausoldaten, dass deren Gewissensentscheidung durch ein Spatenzeichen auf den Achselstücken kenntlich gemacht wurde.

Prof. Hromádka starb 1969, Emil Fuchs 1971. Beide haben die sogenannte Wende nicht erlebt. Die Christliche Friedenskonferenz musste – hauptsächlich aus finanziellen Gründen – ihre weltweite Friedensarbeit einstellen.

Aber die Ächtung des Krieges aus christlicher Verantwortung ist dringlicher denn je. Angesichts immer differenzierterer Atomwaffen und Drohnen sind Kriege jedenfalls aus christlicher Sicht nicht mehr zu verantworten, auch wenn sich Militärseelsorger aller Nationen um rechtfertigende Argumente bemühen.

Es bleibt, die bewundernswerte Lebensleistung von Emil Fuchs, die er in allen Abschnitten seiner engagierten Tätigkeit persönlich beschrieben und begründet hat, als ein kostbares Erbe und als Anregung zu friedensstiftendem Engagement anzunehmen. Hromádka und Fuchs haben den Aufbruch der Theologie der Befreiung in Lateinamerika noch erlebt, was ihre Betrübnis darüber nicht tilgte, dass – trotz christlicher Zeitrechnung – seit tausend Jahren in Europa unzählige Altäre dem Kriegsgott Mars umgewidmet wurden. Militärseelsorger und missionierende Kolonialherren haben mit Erfolg den Befreier-Namen des Vaters Jesu in Vergessenheit gebracht.

«In der Geschichte der deutschen Theologie und Kirche wird Emil Fuchs eine ganz profilierte und schöpferische Gestalt bleiben […] Wenn der Historiker das Ringen um den Glauben der Kirche und die Theologie in der Zeit der sozialistischen Umgestaltung untersuchen und analysieren wird, dann kommt er unzweifelhaft zu der von Emil Fuchs gespielten Rolle als einem der wichtigsten Faktoren der mitteleuropäischen Kirchengeschichte.»1

1              Josef Hromádka zitiert nach Herbert Trebs: «Emil Fuchs. Das Alte geht – das Neue kommt», Berlin 1965. S. 28.

Ein Gedanke zu „Heinrich Fink: Emil Fuchs: Gerechtigkeit und Frieden – Ein biblisches Gebot oder: Wie er zu Karl Marx und den Religiösen Sozialisten kam

  1. Wer die Neue Welt verstehen will, muss zuerst die Gegenwart verstehen, die noch immer auf dem „einen Gott“ basiert, der vor ca. 3250 Jahren den „Auszug der Israeliten aus Ägypten“ ermöglichte. So genannte Götter (künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten) sind die obersten Leitmotive aller Gedanken derjenigen, die mit den Göttern vorprogrammiert sind. Solange die künstlichen Archetypen anonym bleiben, sind die Programmierten (Untertanen) unfähig, als selbständige Individuen zu handeln, sondern brauchen immer jemanden, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Im vorantiken Ägypten, einer zentralistischen Planwirtschaft noch ohne liquides Geld, war die Religion (Rückbindung auf künstliche Archetypen) eine hochentwickelte Wissenschaft, um Untertanen für verschiedene Arbeiten gefügig zu machen. In neuerer Zeit wurde aus lauter Verzweiflung mit der Ersatzreligion des Marxismus eine „Rückkehr nach Ägypten“ versucht, was zwangsläufig scheitern musste, sodass die Allgemeinheit heute wenigstens begriffen hat, dass ein Rückschritt keinen Fortschritt bringt.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/05/nicht-von-dieser-welt.html

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