Buchtipp: Die Zahlentrickser

Das Märchen von den ausstrebenden Deutschen und andere Statistiklügen

Der Statistiker Gerd Bosbach und der Politikwisssenschaftler Jens Jürgen Korff bezichtigen die Mächtigsten Eliten der Lüge. Nebel- und Blendgranaden für unsere Sinne, die uns verwirren und orientierungslos machen sollen und vor allem von der wesentlichen Frage nach der Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten ablenken sollen, sind Statisiken und Kampagnen der Automobilindustrie, der Generationengerechtigkeitsdemographen und anderer privilegierten Gruppen. Die Autoren wollen in dem beim Heyne Verlag erschienenen 19,99 Euro teueren Buch die Leser*innen zum kritischen Hinterfragen anregen und stellen am Schluss eines jeden der überschaubaren und kurzweiligen Kapitel Fragen zum eigenständigen Nachgrübeln.

Die Lüge der zu hohen Lohn- und Lohnnebenkosten: „Doch frech bügeln viele Unternehmensleitungen soziale Forderungen im Betrieb mit dem Argument zu hoher Kosten ab oder behaupten gar, die Konkurrenz auf dem Weltmarkt zwinge sie den Gürtel enger zu schnallen. Stünde die Firma tatsächlich in einem echen Preiswettbewerb könnte ja zur Abwechslung auch der Gewinn etwas reduziert werden. Das böte viel Spielraum für Preissenkungen im globalen Wettbewerb.“

Um darzustellen, wie groß dieser Spielraum bei den DAX-Unternehmen ist, erfand Bosbach den Bosbach-Index: „25 188 Euro pro Mitarbeiter wurden im Jahr 2015 als durchschnittlicher Gewinn der DAX-Konzerne »erwirtschaftet«. Das sind mehr als 2 000 Euro im Monat und Nase.“

Die Lüge der hohen Belastung von hohen Einkommen: Doch nicht nur Unternehmen verschleiern, vor allem Großverdiener sind offensichtlich wahre Meister darin: Sie verschweigen, dass der Spitzensteuersatz von 45 Prozent erst jenseits von 900 000 Euro pro Jahr bei verheirateten gezählt wird. Ihr Steuersatz beginnt – wie der von allen Steuerpflichtigen in Deutschland – genauso bei 15 %. Auch bei Sozialabgaben sind diese privilegiert: Durch die Beitragsbemessungsgrenzen ist bei den gesetzlichen Krankenversicherungen ab knapp 51000 Euro im Jahr und bei der Rentenversicherung ab 75 000 Euro im Jahr keine weiteren Sozialabgaben abzuführen. Ein Spitzenverdiener mit 250 000 Euro zahlt nicht wie der Arbeitnehmer 17,5 %, sondern nur 4,5 % für Kranken- und Rentenversicherung zusammen.

Wie weit jedoch der Professor Bosbach aus Koblenz von der Welt eines Geringverdieners entfernt ist, zeigt dass er den Steuerfreibetrag bei 17 000 Euro vermutet, die jeder steuerfrei im Jahr verdienen dürfe. Doch der Steuerfreibetrag liegt knapp über 8 500 Euro, so dass auch ein Geringverdiener hier schon auf Einkommen Einkommenssteuer zahlt, das nicht einmal zum Leben reicht.

Vor allem die Mähr von der Generationengerechtigkeit verweisen die Autoren ins Reich der ideologischen Phantasie. Staatsschulden würden die nachkommenden Generationen übergebühr belasten, so die gängige publizierte Mainstream Meinung und die Alten würden die Zukunft der Jungen verprassen. Doch der Trick hinter diesen Behauptungen ist, dass man nur eine Seite des Gesamtzusammenhangs herausgreift. Denn es werden ja nicht nur Schulden vererbt sondern ganz massiv hohe Vermögen, die die Staatsschulden überwiegen. Zudem wird die Demografie nur als Argument für Kürzungen verwendet, nicht jedoch um rechtzeitig Investitionen in den Ausbau von Hochschulen und Schulen oder Infrastruktur zu planen. Die nachfolgenden Generationen werden gerade durch die Kürzungen von Rente, die verfallenden Schul- und Hóchschulgebäude, fehlendes Lehrpersonal und Privatisierung von Gemeingütern belastet.

„Sie können sich also denken, warum die andere Seite der Schulden so selten in der Öffentlichkeit gezeigt wird. Jörg Tremmel und Jens Spahn, den intelligenten Kämpfern für die sogenannte Generationengerechtigkeit, dürfen wir unterstellen, die Zusammenhänge u kennen und bewusst nicht breit zu thematisieren. Zum Schutz der Reichen dieser Republik und wohl auch um eigenen Wohl. Das die Schulden der einen die Vermögen der anderen sind, ist eigentlich sebstverständlich. Und doch liegen in dieser Blickrichtung spannende und ungewohnte Einsichten, die die Gerechtigkeitsfrage nicht entlang von Generationen, sondern ganz woanders aufwerfen. Sie macht deutlich, dass die Fragen, ob Geldvermögen nach Jung und Alt verteilt und ob eher Junge oder eher Alte von der Kürzung staatlicher Leistungen betroffen sind, falsch gestellt sind. Denn die Probleme haben mit Jung und Alt kaum etwas zu tun, sondern viel eher mit Reich und Arm, mit Einflussreich und Unwichtig.“

Wer nun zu den Lügen und Betrügereinen von Aktienunternehmen und dem Trick der „Gelbe-Engel-Rechnungen“ oder über den sinnvolle und unsinnige Fussballstatistiken erfahren möchte, sollte das Buch lesen. Das letzte Kapitel des Buches will nochmals schulen, damit wir nicht auf solche Zahlentricks der Mächtigen reinfallen und deren Lügen erkennen.

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