Jiří Silný: Jan Hus als ein Vorläufer Luthers

Im Lutherjahr macht es Sinn sich auch an seine Vorläufer zu erinnern. Zu den wichtigen gehörte der tschechische Theologe Jan Hus, der hundert Jahre vor Luther lebte und wirkte.

Hus wurde um 1371 in einfachen Verhältnissen in Husinec in Südböhmen geboren. Wie viele Söhne der armen Familien hat er sich besseres Leben als Geistlicher erhofft. Erst während des Studiums ist sein Glauben tiefer geworden und er hat seine geistliche Tätigkeit als Berufung wahrgenommen.

Nach dem Abschluss an der Karls Universität 1398 ist er selber Universitätslehrer geworden und in 1409 wurde er zum Rektor der Universität gewählt. Er beteiligte sich aktiv an den akademischen Diskussionen übe die Reform der Kirche, verfasste viele Schriften (einige noch im Gefängnis bevor seiner Hinrichtung), übersetzte Teile der Bibel, reformierte die Rechtschreibung der tschechischen Sprache, schrieb geistliche Lieder und vor allem predigte. Seit 1402 war er Hauptprediger der neu errichteten Betlehems Kapelle in Prager Altstadt, wo sich täglich bis zu drei tausend Zuhörer sammelten.

Es hatte schon vor Hus in Böhmen radikale Prediger, die die Missstände in der Kirche und in der Gesellschaft angeprangert haben, gegeben, aber theologisch hat Hus besonders viel von dem Engländer John Wicliff übernommen. Die Verbindung nach Oxford stellte Jernoným Pražský (Hieronymus von Prag), Hus´ Mitstreiter, der in 1416 gleichfalls in Konstanz verbrannt wurde, her.

Hus hat die radikale Kritik noch zugespitzt und durch seine Überzeugungskraft wirksam gemacht. Die Botschaft war vor allem gegen Reichtum um Macht der Kirche und den Sittenverfall der Geistlichkeit gerichtet. Zu seiner Zeit gehörte ein Drittel des Bodens in Böhmen der Kirche und in Prag, das damals zu den wichtigen Machtzentren zählte, machten die Geistlichen fast zehn Prozent der Bewohner aus. Das stand im krassen Gegensatz zu den vielen Armen in dem Land. Also gab es mächtige Gegner seiner Reformen, vor allem seitdem sich Hus und seine Anhänger gegen Ablasshandel starkmachten. Konflikte mit der Kirche führten zum Interdikt (Verbot der Austeilung der Sakramente in Orten wo Hus weilte) von dem Papst im Jahre 1412 und Hus hat auch die bisherige Unterstützung des Königs Wenzels IV. verloren.

Einige Monate wirkte Hus auf dem Lande im Schutz seiner Anhänger und schließlich folgte er der Einladung zum Prozess beim Konzil in Konstanz, der die dringenden Reformen der Kirche behandeln sollte. Hus reiste nach Konstanz in der Hoffnung, dass er seine Lehre verteidigen kann. Dazu kam es aber nicht. Es sollte nur seine „falschen Lehren“ widerrufen – auch solche, die Hus nie vertreten hatte. Aber es gab schon heikle Punkte. Da ging es vor allem um die Autorität des Papstes (immerhin gab es damals drei Päpste). Hus stellte über alle menschliche und institutionelle Autorität Jesus Christus (zu ihm als „höchsten Richter“ hat er sich Hus gegen den Papst berufen) und über die „menschlichen Lehren“ stand für ihn die Bibel als Maßstab. Er war zur Widerrufung bereit, falls ihn die Konzilsväter durch theologische, biblische und rationale Argumente von seinen Fehlern überzeugen. Konzil wollte nicht diskutieren, sondern Unterwerfung erzielen. Hus hat sich geweigert sich gegen seine Vernunft und Gewissen blind zu unterwerfen und wurde verurteilt und grausam hingerichtet.

Das war aber nicht das Ende seiner Wirkung. Eine breite hussitische Bewegung ist entstanden um die Reformen durchzuführen. Zum Symbol der Bewegung ist der Kelch geworden – als Zeichen der Gleichheit der Gläubigen vor Gott, das in der Kommunion „unter beiderlei Gestallt“ (utraque species – daher Utraquisten) – mit Brot und Wein für alle, materialisiert wurde. Bald entflammten die „hussitischen Kriege“ in denen die Hussiten zwischen 1419 und 1434 vier Kreuzzüge bekämpft haben. Es gab aber auch innere Konflikte zwischen dem radikalen Flügel (vor allem Taboriten) und den Gemäßigten aus dem hussitischen Adel und der Städten. Die gemäßigten haben gewonnen und konnten dann einen Kompromiss mit der katholischen Kirche verhandeln – die sogenannten Kompaktate von Basel aus dem Jahre 1434.

Immerhin ist es schließlich gelungen in den Ländern der Böhmischen Krone eine damals einmalige religiöse Reform, die auch religiöse Freiheit eingeschlossen hatte, durchzuführen. Neben der utraquistischen Kirche hat die katholische gewirkt und am Ende des 15. Jahrhunderts kam dazu die Brüderkirche (Unitas Fratrum), die in der Reformation noch viel radikaler war als die Utraquisten. Es geschah nicht ohne Konflikte, aber am Ende des 16. Jahrhunderts gab es dann auch die gemeinsame Böhmische Konfession (1575) von Utraquisten, Böhmischen Brüdern und Lutheranern. Martin Luther sah im Jan Hus seinen Vorläufer und die Lutheraner sind später auch eine wichtige Kirche in Böhmen geworden. Außerdem fanden im Böhmen Zuflucht, auch wenn nicht offizielle Anerkennung, Waldenser und Wiedertäufer.

Die hussitische Zeit brachte auch große gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. Das Bodeneigentum von der katholischen Kirche betrug am Ende nicht mehr einen Drittel, sondern nur zehn Prozent der Fläche. Die Macht des Adels und der Städte ist gewachsen und konnte die Macht der Könige begrenzen. Die Gelehrten der Brüderkirche haben die Bibel aus den originellen Sprachen ins Tschechische übersetzt. Der Letze Bischof dieser Kirche, Comenius, hat die Pädagogik durch humanistische Gedanken tiefgreifend verändert.

Als in Prag 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, bedeutete das für Böhmen, dass 80-90 Prozent der Bevölkerung, die nichtkatholisch gewesen war, zwanghaft rekatolisiert wurde. Hier liegt auch die Wurzel des gebrochenen Verhältnisses der Tschechen gegenüber Religion, dass sie wahrscheinlich zu dem am meisten säkularisierten Volk der Welt macht.

Das Erbe von Hus lebt aber weiter und ist immer wieder umstritten, weil es die Kämpfe um Gerechtigkeit, Emanzipation und Freiheit inspiriert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jiří Silný,

Theologe, Projektkoordinator des Prager Büros von RLS

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