Michael Brie: Kommunistische Experimente in Zeiten des Umbruchs – Reformation und Revolution

Zeiten des Umbruchs sind Zeiten, in denen das Unmögliche möglich wird oder Menschen sich zumindest auf den Versuch dazu einlassen. Die Herrschenden können solche Versuche nicht mehr gänzlich unterbinden und die Beherrschten sind auf der Suche, nach lebenswerten Alternativen. Eine solche Zeit war das frühe 16. Jahrhundert. Die alte feudale Ordnung brach an allen Ecken und Enden zusammen. Kanonen schossen die Burgen der kleinen Herrscher zusammen. Global agierende Kapitalisten aus Italien und Deutschland finanzierten weltweite Eroberungszüge und den Kampf um Europa. Der Druck mit beweglichen Lettern zerbrach das Monopol der Kirche, Mönche und Priester auf das öffentliche Wort. Luthers Thesen von 1517 waren ein Funke, der in ein Pulverfass fiel.

In diesem Pulverfass war mehr als genug Sprengstoff angesammelt. Erstens durch Kriegssteuern im Zusammenhang mit der Bedrohung durch das expandierende Osmanische Reich und die Stärkung der regionalen Zentralgewalten (Fürstentümer) sowie den innereuropäischen Kampf zwischen dem deutschen Kaiser, Papsttum, Frankreich, Spanien um die Vorherrschaft. Zweitens durch die sich ausbreitende Form kapitalistischer Wirtschaft, die in Gestalt von Finanz- und Handelskapital die alten Produktionsweisen auflöste, ohne zugleich überall neue und integrative zu schaffen, bzw. die alten Produktionsweisen verschärfte (Erhöhung der Abgaben, Versuche der Durchsetzung einer neuen Leibeigenschaft usw.). Drittens stiegen neue Kräfte auf, die die ständische Ordnung zu durchbrechen suchten: Gebildete Schichten, Besitzbürgertum, qualifizierte Handwerker und neue Arbeiterschichten. Viertens gab es völlig neue Möglichkeiten, sich geistig zu orientieren, vor allem durch den schon genannten Buchdruck und die Zerstörung des Informationsmonopols des Klerus. Es war eine Zeit mehrfachen Protestes: der Bauern gegen die Leibeigenschaft und Grundherrschaft, der Bürger gegen die Herrschaft des Patriziats in den Städten, der Ritter gegen die Macht der großen Städte und Fürsten.

Was war das Revolutionäre an Luthers Thesen? – Revolutionär waren nicht so sehr die einzelnen Forderungen. Sie hatten ihren Pendant in jahrhundertelangen innerkirchlichen Diskussionen. Revolutionär war auch nicht die Kritik am Papst und seinem Vormachtanspruch. Darum waren schon viele Kriege geführt worden. Revolutionär war vor allem der Gestus: Selbst die Bibel lesen, auf Gottes eigenes Wort vertrauen und sich beim Lesen nur auf eines verlassen – die eigene Einsicht! Das konnte jeder, zumindest jeder der lesen konnte – das Salz in der gärende Suppe des Volkes, oft volksnahe Priester.

Umbruchkrisen wie die am Ende des 15. und im frühen 16. Jahrhundert – Krisen in den Produktions- und Lebensweisen sowie der politischen Regulation (Konzilreformation der päpstlichen Kirche und ihre Erschöpfung, Versuche der Reformation des Reiches und ihre offensichtlichen Grenzen) – werden zu Sinnkrisen aller Schichten, auch und gerade der unteren. Es waren Zeiten erhöhter Frömmigkeit, da nach sinnvollen Auswegen gesucht werden musste. Und die Möglichkeit, jetzt die Bibel selbst zu lesen und zu studieren bzw. sich von jenen direkt aufklären zu lassen über das, was in der Bibel steht, die Lesen und Schreiben konnten, schuf einen neuen intensiven Raum der Diskurse mit völlig offenem Ausgang.

Im Umbruch des Feudalismus und seiner weltlichen und geistlichen Strukturen entstanden sogenannte »chiliastische« Bewegungen, die aus der Erwartung des nahen Endes der gegenwärtigen Welt und des Anbruchs eines »tausendjährigen Friedensreichs« unter Jesus Christus die radikale, oft auch kommunistische Infragestellung der herrschenden Ordnung mit einem eigenen Neuanfang verbanden. Aus einzelnen Experimenten wurden breite Bewegungen, in denen Volksmassen von unten den Aufbruch wagten. Das Alte Testament bot mit seinen Erzählungen vom Volke Israel, dass unter Führung von Moses sich aus der Sklaverei befreit und einen Bund mit Gott eingeht, die Botschaft einer umfassenden kollektiven Befreiung. Das Neue Testament konnte als Aufruf zur gemeinschaftlicher Befreiung – sei es zunächst kleiner Gruppen wie der Apostel oder der Jerusalemer Urgemeinde, wo „allen alles gemeinsam war“ – gelesen werden. Und immer waren Freiheit, Gleichheit und Gemeinschaftlichkeit (als Brüder und Schwestern) der Bezugspunkt. Johannes Lichtenberger, gest. 1503 weissagt vielbeachtet: „Es wird eine neue Reformation, ein neues Gesetz, ein neues Reich und neuer Wandel geschehen, beide unter den Geistlichen und unter dem gemeinen Volke.“

Unter diesen Bedingungen verband sich die Reformation mit den sozialen Bewegungen von unten, der Handwerker, des Frühproletariats und der Bauern. Es gab starke Bewegungen der Selbstbestimmung der Bauern, der Handwerker, der proletarischen Schichten: als Selbstregierung bzw. Partizipation, als Selbstbestimmung in der Glaubensgemeinschaft, als Selbstverwaltung der gemeinschaftlichen Güter: Freiheit vor allem als gemeinschaftlicher Aufbruch (nicht als private Freiheit), zumindest bei unteren Schichten. Und es gab Ansätze, die religiöse Selbstbestimmung durch den eigenständigen Bezug auf die Bibel mit einer Umgestaltung des weltlichen Lebens selbst zu verbinden. Genau diese Verbindung wollte Luther nicht. Er beförderte die obrigkeitsstaatliche Einhegung der Reformation. Befestigung der Ungleichheit und Herrschaft bei Kritik ihrer Auswüchse und der Zersetzung durch Protokapitalismus. Der radikale Flügel der Reformation – Müntzer wie Täufer, um nur einige zu nennen – verbanden den Angriff auf die päpstliche und die lutherische, die Herrschaftskirche, mit dem Angriff auf die weltlichen Mächte, die eine solche obrigkeitliche Verordnung des Glaubens absichern. Sie trafen dabei auf eine breite gesellschaftliche Resonanz bei Gruppen, die das anders und selbstbestimmt Glauben mit einem anders und selbstbestimmt gemeinschaftlich leben verbinden wollen (mehr oder minder radikal: wobei die Radikalisierung oft durch den Widerstand der Herrschenden, durch die Erfahrungen von Verfolgung, durch Notgemeinschaften der Verfolgung, der Flucht, der gemeinschaftlichen Absicherung)

Kurz sei von drei solchen Bewegungen berichtet, die in dieser Zeit begannen: der Große Bauernkrieg, die Bewegung der Hutterer und das Reich der Täufer zu Münster. Gemeinsamer Ausgangspunkt war der Große Bauernkrieg, in dem sich die breite Bewegung der Bauern, von Teilen des städtischen Bürgertums und des Proletariats aus den Bergwerken sowie von Handwerkern kurzzeitig und regional sehr unterschiedlich und nie im gesamten Reich verbunden, zusammenschlossen. Es war ein kurzer Frühling des Aufbruchs, dem eine blutige Ernte durch die geeinte Macht der Fürsten folgte, der zehntausende Bauern zum Opfer fielen. Mittel- und Süddeutschland wurde zu einem Feld der geschlachteten, gefolterten, hingerichteten Aufständischen.

Vorläufer des Bauerkrieges war die Bundschuh-Bewegung. So wurden die aufständischen Bauern der Jahre 1493 bis 1517 in Südwestdeutschland genannt. Es handelte sich um viele lokale Verschwörungen, für viele war Joß Fritz verantwortlich. Die gemeinsamen Forderungen waren, dass nur noch der Kaiser und der Papst unter Gott als Herren anerkannt werden; jeder solle am Ort seines Wohnens vor Gericht stehen und geistliche Gerichte nur noch für Geistliches gelten. Die Allmende des Fisch- und Vogelfangs, von Holz, Wald und Weide solle wieder frei sein. Die Zinslast müsse verringert werden und das Kircheneigentum weitgehend an Arme aufgeteilt werden. Dies alles fand sich dann in den berühmten Memminger Artikeln der aufständischen Bauern von 1525 wieder. Sie forderten

1. Wahl der Pfarrer durch Gemeinde und direkter Zugang zum Evangelium. Bezahlung durch Gemeinde und Wirken in nur einer Gemeinde.

2. Aufhebung jeder Leibeigenschaft; Freiheit jedes Christen vor Gott und in der Welt

3. Reduktion der Abgabenlast auf ein Zehntel der Ernte an Getreide und Wein, alle Dienste nur auf Basis von Vereinbarungen, Reduktion der Pacht auf ein Niveau, das angemessenes Auskommen erlaubt (Würdeverweis!); Schutz der Waisen und Witwen

4. Rückgabe der Commons, der Allmende mit Verweis auf kommunistischen Charakter der natürlichen Güter

5. Gerichtsbarkeit nach dem überkommenen Recht

Von diesen Artikeln schrieb Luther an die Herren: Die Bauern „haben zwölf Artikel aufgestellt, unter denen einige so gerecht sind, dass sie euch vor Gott und der Welt zur Schande gereichen. […] Nun ist’s ja auf die Dauer unerträglich, die Leute so zu besteuern und zu schinden.“ Zugleich verdammte er den Aufstand und forderte, ihn mit den brutalsten Methoden niederzuschlagen.

Die Bauernaufstände wurden vornehmlich von drei Gruppen getragen: von städtischen Gruppen, die das patrizerische Regime überwinden wollen; von Bauern, die ihre alten Rechte mit neuen Rechten gerade auch der freien Pfarrerwahl verbinden wollen; von radikalisierten Prediger und Laienprediger. Dies erzeugte auch eine Kluft zwischen den eher reformorientierten, auf gemäßigte Forderungen setzenden Bauern und den radikalen Führern und ihrer Eschatologie, der Suche nach einer umfassenden weltlich-geistigen Erlösung. Thomas Müntzer entwickelt in den wenigen Jahren seiner radikalen Tätigkeit Ideen, die zugleich die Eigentumsfrage stellten und das Widerstandsrecht des einfachen Volkes proklamierten. Es seien die Fürsten und Patrizier, die den Aufruhr hervorgerufen hätten: „Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herrn und Fürsten, (sie) nehmen alle Kreaturen zum Eigentum.“ Im Falle dessen, dass die Herren ihrer Aufgabe nicht nachkämen, die Übel von oben selbst abzustellen, dann müsse das Volk die Gewalt des Schwertes selbst in die Hand nehmen. Gott habe mit Adam und Eva die Erde und alle ihre Früchte allen gemeinsam gegeben. Diese Ordnung sei verkehrt worden, weil wenige diese Früchte usurpiert hätten. Eine Umkehr sei notwendig – ein Revolution! Am 15. Mai 1525 wurden die Bauern bei Frankenhausen vernichtend geschlagen, am 27. Mai wurde Müntzer hingerichtet.

Die Niederlage des Bauernkriegs führte dazu, dass die Suchenden einen anderen Weg erkundeten – den kleiner Gruppen, die sich zusammenschlossen zu einer geistig-weltlichen Erneuerung. Damals tauchte auch zuerst der Begriff der communisti auf. Die Hutterer waren eine Gruppe aus der schweizerischen Täuferbewegung von 1525. Diese Bewegung nahm die Bibel ernst. Erst mündige Bürgerinnen und Bürgern sollten getauft werden – aus freiem Entschluss. Die Gemeinschaft des Glaubens sollte verbunden werden mit enger solidarischer Kooperation im Hier und Jetzt. Die Hutterer-Bewegung entstand im mährischen Exil unter Führung von Jakob Hutter. Sie sahen sich in »der heiligen Gemeinschaft nit allein im geistlichen, sondern auch im zeitlichen« und entwarfen »ordnungen der heiligen in ihrer gmainschaft« und lehnten Gewalt ab. Die Beziehungen von Herren und Knechten, Wucherern und Gläubigern, Käufern und Verkäufern, von Herrschsucht, Egoismus und Neid sollten durch ein Miteinander in Liebe, Fürsorge, Solidarität und im Mit-Leiden abgelöst werden. Nicht Burg und Dorf, nicht Stadt und Land, nicht Kirche und Laienhäuser, sondern das gemeinsame Leben in Haus und Landschaft waren das Ideal. Kommunismus wurde hier aus einer Emanzipationsbewegung von unten zu einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen, die im Gemeineigentum die Grundlage der Befreiung sah.

Die Herrschenden verfolgten auch diese Bewegung, die ihre Macht durch bloße Verweigerung gegenüber Gewalt in Frage stellte, unbarmherzig. Viele Tausend wurden gefoltert. 1529 wurde reichsweit verkündet, dass jeder, der sich der Bewegung der Erwachsenentaufe anschließe, hingerichtet werden müsse. Jakob Hutter starb am 25. Februar 1536 wie viele seiner Anhänger auf dem Scheiterhaufen. Seine feste Überzeugung war: »Wenn alle Welt wäre wie wir, dann würden alle Kriege und alle Ungerechtigkeit ein Ende haben.« Teilweise lebten Tausende Menschen in solchen Gemeinschaftshäusern. Handwerkliche Produktion bildete die Lebensgrundlage. Von den Einkünften konnten die Gemeinden leben. Gottesdienst, Arbeit, Schule und die Mahlzeiten bildeten die Grundlage der Gemeinsamkeit. Sie waren wirtschaftlich sehr erfolgreich. Das Bildungsniveau der Hutterer war sehr hoch und dies in einer Gesellschaft, die noch weitgehend durch Analphabeten geprägt war. Bis zum Dreißigjährigen Krieg blühten die »Bruderhöfe« und hatten rd. 20 Tsd. Mitglieder in Mähren. Danach begann eine Vertreibungswelle. Heute leben noch rd. 45 Tsd. Hutterer und Neu-Hutterer in den USA.

Über die kommunistischen Gemeinschaften der Hutterer

»Die Haushalter organisierten als Unternehmer die Produktionstechnik der manufakturellen Großbetriebe und leiteten die Entwicklung der einzelnen Siedlungen jener ökonomisch so progressiven Utopie, die sich offensichtlich frei wusste von der Ignoranz der Intellektuellen in Wirtschaftsfragen. Der tägliche Augenschein der wirtschaftlichen Überlegenheit beeindruckt, wie die Quellen belegen, die Außenstehenden, die Gläubigen aber hielt er, trotz einzelner Klagen über Egoismus, Willkür, heimliche Entfremdungen und allgemeinen Sittenverfall, mit fester Klammer zusammen. […] Die Zufriedenheit mit der eigenen Arbeitsleistung, mit der Enthebung von allen Lebensproblemen, die fromme Betrachtung der Bibel und der eigenen Auserwählung bildete das Glück der Hutterer.«

Sie lebten in großen Gemeinschaftshäusern mit mehreren Hundert Bewohnerinnen und Bewohnern. »Das Haus enthielt einige große ›Stuben‹ für die Küche, die Mahlzeiten und die Handwerksbetriebe, für die Schule und den Gottesdienst. Daneben gab es eine Vielzahl kleiner Kammern als Schlafräume für die Ehepaare… Die Hutterer reduzieren die Familie … auf die Ehepaare und führen im übrigen ihre Eingliederung in die Gemeinde am weitesten. Ohne Haus, Herd, nur mit den Brustkindern lebten die Ehepaare eigentlich nur mehr des nachts beieinander. Selbst bei den Mahlzeiten bekamen sie einander nicht zu Gesicht, denn sie aßen nicht … am selben Tisch… Die Partnerwahl war den heiratsfähigen Mitglieder der Hutterergemeinde nicht freigestellt, sondern sie lag in den Händen der Gemeinde oder wurde mit Loscharakter dem unmittelbaren göttlichen Eingriff überlassen…« »Sie lebten, bibelfromm und kommunistisch, nach den Vorstellungen von einer besseren Welt in den Gedanken des gemeinen Mannes.«

Ein letzter Höhepunkt der radikalen Reformation in Mitteleuropa war der Kampf der Wiedertäufer in Münster 1534/5, die unter den Bedingungen langer Belagerungen das »Reich Zion« ausriefen, die Gütergemeinschaft einführten, die Geldwirtschaft beseitigten und die »Mehrfrauenehe« einführten, einen polygamen Patriarchalismus, der die Frauen bei Ehebruch, Verweigerung der »Ehepflicht« und »Bigamie« hart bestrafte. Aufstände gegen diese Ordnung wurden blutig niedergeschlagen, bis das »Täuferreich« nach anderthalb Jahren der militärischen Übermacht der alten Obrigkeit erlag. Der Terror der Aufständischen verblasst wie so oft gegen den Terror der Sieger. Über vier Jahrhunderte (!) hingen die Käfige, die die gemarterten Körper der Führer des Aufstandes nach ihrem Tode aufnahmen, am Turm der Lamberti-Kirche zu Münster.

Das Reich Zion der Täufer in Münster 1534/5

»Vom eigentlichen Kommunismus konnte unter diesen Umständen nicht viel die Rede sein. Alles Geld, Gold und Silber der Einwohner wurde teils freiwillig, teils durch Verordnung dem Stadtsäckel übergeben; die Ladenbesitzer wurden durch Zureden und durch den Hinweis auf das Evangelium veranlasst, ihren Kram aufzugeben und mit Handel und Schacher nichts zu tun zu haben. Handwerk und Ackerbau wurden geehrt und gefördert. Die Armen erhielten ihren Lebensunterhalt aus öffentlichen Mitteln. Gemeinsame Mahlzeiten, gewürzt durch Vorlesungen aus der Bibel, wurden eingerichtet.« Max Beer1


1  Im Vergleich dazu der Roman des anonymen italienischen Autorenkollektivs Wu Ming, dass diese Zeit erfasst (Blissett 2002).

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