Viola Schubert-Lehnardt: Rezension: Alle Verhältnisse umzuwerfen … und die Mächtigen vom Thron zu stürzen

Sowohl in der gesamten Gesellschaft (s. Debatten um die Bedeutung der Reformation für die heutige Entwicklung, kirchliches Arbeitsrecht etc.), als auch vor allem unter den LINKEN gibt es seit einiger Zeit heftige Kontroversen um das Verständnis der Marx´schen Religionskritik bzw. um das Verhältnis von Christen und Marxisten. Die 18 AutorInnen des Bandes beteiligen sich an diesen Debatten – im Sinne des Aufzeigens von gemeinsamen Wurzeln und Zielen dieser beiden Traditionen. „Kapitalismuskritik bleibt die gemeinsame Herausforderung“ (S. 15ff). Dies drückt sich bereits im Titel erfolgten Zusammenführung zweier Zitate aus und wird prägnant von Michael Löwy (Soziologe und Philosoph) formuliert: „Was beiden gemeinsam ist, ist das moralische Ethos, die prophetische Revolte, die humanistische Empörung angesichts des Götzendienstes des Marktes und – was noch wichtiger ist – die Solidarität mit dessen Opfern“ (S. 216). Löwy bezieht dies in seinem Beitrag zwar zunächst auf seine Analyse der Theologie der Befreiung, m. E. kann es durchaus für das gesamte Buch gelten.


Nach einem Vorwort der Herausgeber beginnt es mit einer Hommage des Mathematikers, Theologen und Übersetzers Kuno Füssel an Karl Marx unter der Fragestellung „Warum und wie soll man sich mit Karl Marx beschäftigen?“ – eine Fragestellung die im 200. Geburtsjahr von Karl Marx viele Menschen beschäftigt. Zum o.g. Verhältnis von K. Marx zur Religion betont er, dass diese nicht das Ziel gehabt habe, „die Religion zu zerstören, sondern die Entfaltung seines Grundsatzes, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist“ (S. 21).
Die folgenden Beiträge sind 3 Abschnitten zugeordnet: Ein Blick zurück auf Marx; Mit Marx in die Gegenwart und: Mit Marx international. Im ersten Teil werden das Wirken und die Ansichten Wilhelm Weitlings, der Inneren Mission (vor allem Adolph Kolping und Wilhelm Emanuel Ketteler) sowie die Situation in der DDR analysiert. Der zweite Teil ist theoretisch-analytisch zu verschiedenen Gerechtigkeitsvorstellungen, bzw. den unterschiedlichen Verwendungen der Termini Götzen, Fetisch, Opium. Der Philosoph, Soziologe und Schriftsetzer Helge Mewes beschreibt zum einen, wie es zur Verkehrung der Marx´schen Aussage von der „Religion als Opium des Volkes“ zu „Opium für das Volk“ kam, zum anderen analysiert er den Begriff Opium auch ideengeschichtlich und historisch („Opiumkrieg“). Weiterhin wird in diesem Abschnitt von verschiedenen Autoren auf Marx´sche Aussagen zur Ökologie und deren heutige Anwendungen eingegangen.
Der dritte Abschnitt beginnt mit einer Analyse des Sozialethikers Franz Segbers zur Entwicklung der Arbeiterbewegung in den Philippinen. Insbesondere beschreibt er dabei, wie und warum Karl Marx als Inspirator für die dortige Kirche (IFI) gelten kann. Gleichzeitig mit der Kirchengründung fand die Gründung einer Gewerkschaft statt – wohl in dieser Verbindung weltweit einmalig (s. 201ff). Die Pastorin der Methodistischen Kirche in Brasilien, Nancy Cardoso“ geht in ihrem Beitrag auf das Verhältnis zum Feminismus bzw. wie sie schreibt, zu Feminismen, ein. Insbesondere analysiert sie Che Guevaras Aussagen zur Rolle der Frau(en) in der Befreiungsbewegung. Jörg Rieger (Prof. für Theologie belegt in seinem Beitrag „Christen, Marx und die USA“, dass „die Geschichte der USA ohne progressive christliche Einflüsse nicht gedacht werden kann“ (S. 232) und geht dabei vor allem auf Marx´ Artikel für die New York Tribune bzw. dessen Brief an Lincoln, anlässlich von dessen Wiederwahl als Präsident der USA ein.

Michael Ramminger/Franz Segbers (Hrsg.)
„Alle Verhältnisse umzuwerfen … und die Mächtigen vom Thron 
zu stürzen“. Das gemeinsame Erbe von Christen und Marx. 
VSA Verlag Hamburg 2018, ISBN 978-3-89965-790-6, 245 S.

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