Karl-Helmut Lechner: Religionsfreiheit und Linke Politik (Teil 1)

Es fällt auf: Bevorzugt unter sicherheitspolitischen Erwägungen erfolgt im öffentlichen Raum in den letzten Jahren die Beschäftigung mit religiösen Phänomenen. Auf die „Herausforderung“ durch religiös motivierte Gewalt — insbesondere in Form des islamistischen Fundamentalismus und Djihadismus — müsse man reagieren. Von christlichen Fundamentalisten, die mit der Flinte vor Abtreibungskliniken stehen, ist dabei meist nicht die Rede. Man kann die endlosen Wortmeldungen sehen, hören und lesen, wenn die „Verbesserungsvorschläge“ erörtert werden: Es geht um Auswertung von Informationen zum radikalisierenden Potential islamischer Glaubensrichtungen, um Überlegungen, Religionen zu „zivilisieren“, gezielt Einfluss zu nehmen auf die Vermittlung von Glaubensinhalten — z.B. im Kontext der Imamausbildung — und natürlich um Überwachung durch Geheimdienste. Angesichts dieser Ausgangsbasis wäre demnach „Religionspolitik“ heute vor allem als strategisches Defensivkonzept zu verstehen, mit dessen Hilfe die negativen Auswirkungen übersteigerter Glaubensüberzeugungen einzudämmen sind. Links und rechts wird da gewaltig gedröhnt.

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Viola Schubert-Lehnardt: Rezension: Christliches in den Parteien

Christliches in den Parteien. Wie sie sich selbst sehen.

Echter Verlag Würzburg, 2018, ISBN 978-3-429-05329-1, 107 S.

Das Buch ist als „Nachfolge“ eines satirischen Taschenbüchleins „Christliches in der AfD“ entstanden – jenes ist ein himmelblaues Heft mit überwiegend leeren Seiten, denn so die Herausgeber „man habe recherchiert und nichts gefunden1“. Die Resonanz war jedoch freundlich und an den Verlag wurde das Anliegen herangetragen, „das Verhältnis auch anderer Parteien zum Christentum näher zu betrachten“. Dazu wurden die religionspolitischen SprecherInnen 2von CDU, FDP, AfD, DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen um eine Stellungnahme gebeten und deren Beiträge unkommentiert abgedruckt, damit sich die LeserInnen ein eigenes Bild machen können.

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Viola Schubert-Lehnardt: Rezension Konzeptionen des Humanismus

Horst Groschopp Konzeptionen des Humanismus. Alphabetische Wortverwendung in deutschsprachigen Texten. Alibri Verlag Aschaffenburg 2018, ISBN 978-3-86569-271-9, 313 S.

Wer braucht in Zeiten von google, wikipedia und diversen weiteren Internetangeboten eigentlich eine „alphabetische Sammlung zur Wortverwendung“? mag sich so manche LeserIn fragen, die den Titel irgendwo auf einem Büchertisch oder im Netz entdeckt hat. Naja, vielleicht die diversen Angehörigen der verschiedenen humanistischen Organisationen und Verbände, um ihre Unterschiede besser herausarbeiten zu können? Aber was nützt das Buch den anderen? Weiterlesen

Viola Schubert-Lehnardt: Rezension: Alle Verhältnisse umzuwerfen … und die Mächtigen vom Thron zu stürzen

Sowohl in der gesamten Gesellschaft (s. Debatten um die Bedeutung der Reformation für die heutige Entwicklung, kirchliches Arbeitsrecht etc.), als auch vor allem unter den LINKEN gibt es seit einiger Zeit heftige Kontroversen um das Verständnis der Marx´schen Religionskritik bzw. um das Verhältnis von Christen und Marxisten. Die 18 AutorInnen des Bandes beteiligen sich an diesen Debatten – im Sinne des Aufzeigens von gemeinsamen Wurzeln und Zielen dieser beiden Traditionen. „Kapitalismuskritik bleibt die gemeinsame Herausforderung“ (S. 15ff). Dies drückt sich bereits im Titel erfolgten Zusammenführung zweier Zitate aus und wird prägnant von Michael Löwy (Soziologe und Philosoph) formuliert: „Was beiden gemeinsam ist, ist das moralische Ethos, die prophetische Revolte, die humanistische Empörung angesichts des Götzendienstes des Marktes und – was noch wichtiger ist – die Solidarität mit dessen Opfern“ (S. 216). Löwy bezieht dies in seinem Beitrag zwar zunächst auf seine Analyse der Theologie der Befreiung, m. E. kann es durchaus für das gesamte Buch gelten.

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Viola Schubert-Lehnardt: Rezension von Religion und Weltanschauung im Recht

Thomas Heinrichs: Religion und Weltanschauung im Recht. Problemfälle am Ende der Kirchendominanz.

Vom Kulturwissenschaftler Horst Groschopp wird im Alibri Verlag die Reihe „Pro Humanismus“ herausgegeben, deren zweiter Band nun vorliegt. Neben einem Vorwort des Herausgebers und einem des Autors enthält der Band acht Aufsätze zu so brisanten Fragen zu der deutschen und europäischen Politik wie Integration des Islam, Arbeitsrecht in kirchlichen Einrichtungen und Religions- bzw. Ethikunterricht an Schulen. Der Philosoph und Jurist Thomas Heinrichs erläutert sowohl die geltenden Gesetze in Deutschland sowie deren historische Entwicklung, als auch europarechtliche Grundlagen – die teilweise im deutschen Recht noch ungenügend berücksichtigt sind. Dies wird an jeweils konkreten Gerichtsurteilen auch für den Laien anschaulich erläutert. Ergänzt wird der Band durch „rechtspolitische Grundvorstellungen und Kernforderungen der säkularen Verbände“ und drei Interviews zum „Diskriminierungsrisiko Weltanschauung“. Dabei liegt der Akzent auf dem gegenwärtigen Umgang in Deutschland mit Konfessionsfreien, da hier dringender Reformbedarf in Deutschland besteht (s. auch die Studie von Arik Platzek „Gläserne Wände“). „Die säkularen Verbände haben … noch nicht einmal die gleiche Stellung und die gleichen Privilegien wie die kleinen Religionsgemeinschaften, die sie an Mitgliederzahl übertreffen“ (S. 200). Ohnehin, so wird mehrfach argumentiert, können in einer Demokratie nicht Mitgliederzahlen über Vorrechte und Sonderregelungen entscheiden. Weitere begründen soziale Veränderungen der modernen Gesellschaft notwendige Veränderungen.

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Buchtipp: Die Zahlentrickser

Das Märchen von den ausstrebenden Deutschen und andere Statistiklügen

Der Statistiker Gerd Bosbach und der Politikwisssenschaftler Jens Jürgen Korff bezichtigen die Mächtigsten Eliten der Lüge. Nebel- und Blendgranaden für unsere Sinne, die uns verwirren und orientierungslos machen sollen und vor allem von der wesentlichen Frage nach der Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten ablenken sollen, sind Statisiken und Kampagnen der Automobilindustrie, der Generationengerechtigkeitsdemographen und anderer privilegierten Gruppen. Die Autoren wollen in dem beim Heyne Verlag erschienenen 19,99 Euro teueren Buch die Leser*innen zum kritischen Hinterfragen anregen und stellen am Schluss eines jeden der überschaubaren und kurzweiligen Kapitel Fragen zum eigenständigen Nachgrübeln.

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Einige Werke von Ulrich Duchrow zum Herunterladen

Auf der Website von Ulrich Duchrow können zwei seiner Bücher jetzt als PDF heruntergeladen werden. Auf eines hat er während des Kirchentages immer wieder hingewiesen:

Solidarisch Mensch werden.

Das zweite Buch ist allerdings ebenfalls lesenswert:

Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft.

RLS-Paper: Kapitalismus als Religion – aktualisierte Neuauflage erschienen

Dokumentation von Beiträgen des Seminars auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2013. Aktualisierte Ausgabe 2017.

Als PDF hier herunterladen.

Beiträge von Ulrich Duchrow, Franz Hinkelammert, Franz Segbers und Michael Brie.

«… dass es so weiter geht, ist die Katastrophe», schreibt Walter Benjamin schon in den 1930er Jahren, damals angesichts der faschistischen Gefahr und des drohenden zweiten Weltkriegs. Er befragt den Absolutheitsanspruch des Kapitalismus, der sich alternativlos längst als Religion gebärdet – Kapitalismus als Religion. Aber gerade die Alternativlosigkeit wird immer wieder von Linken (Christen, Marxisten, Sozialisten) in Frage gestellt. So wird in der Theologie der Befreiung seit vierzig Jahren der Kapitalismus auch darauf hin befragt, ob er mit seinen vielfältigen Formen individueller und kollektiver «Bestrafung» (vom Mangel an Essen, Kleidung, Gesundheitsversorgung, Wasser, Bildung bis zum Mangel an Arbeit, sozialen und demokratischen Rechten, von Embargo bis zum Krieg) sich nicht längst als Religion gebärdet? Was bedeutet es heute konkret, wenn Kapitalismus zur Religion wird? Wo müssen Gesellschaftskritik und Kämpfe um gesellschaftliche Alternativen heute ansetzen?

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Ringen um Gerechtigkeit im weltanschaulichen Dialog

Im Andenken an den Antifaschisten Emil Fuchs

Ohne die Vision von Gerechtigkeit werden die Menschen wüst und wild. Diese Erfahrung der Propheten des Alten Testaments ist heute aktuell und drängend. Wie kann den immer deutlicher hervortretenden Tendenzen der Barbarisierung, des Autoritarismus, der Ausgrenzung und Aussperrung, der Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen wirksam begegnet werden?

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