Rezension: Edda Lechner Jesus – Marx – und ich. Wege im Wandel. Eine Achtundsechzigerin in der Kirche

von Viola Schubert-Lehnardt

Der Titel klingt nach einer Biografie – auch diese allein wäre schon spannend, handelt es sich bei der Autorin doch nicht nur um eine “Achtundsechzigerin”, sondern auch um eine Pastorin, die aus der Kirche ausgetreten ist und heute in der LINKEN aktiv ist. Edda Lechner beschreibt zunächst ausführlich ihre Kindheit, die sie als “fromme Jahre in Dorf und Schule” bezeichnet. Diese detaillierte Darstellung macht ihren Berufswunsch verständlich und nachvollziehbar – wie auch die spätere Veränderung.

Das Buch ist jedoch mehr als eine Biografie. Immer wieder gibt es zeit- und kirchengeschichtliche Exkurse, die die Leserschaft in die Geschichte der alten BRD und ihre “alten Zöpfe” zurückführen und so Abweichungen vom scheinbar vorgezeichneten Lebensweg verständlich machen. Einer der ersten Exkurse widmet sich der Ordination von Frauen – in der evangelischen Kirche sind Frauen im Talar heute ein selbstverständlicher Anblick, für die katholische Seite ist dies immer noch ein Streitthema. Damals war dieses Privileg scheinbar selbstverständlich an die Bedingung der Ehelosigkeit geknüpft und auch bezüglich des Gehalts konnte nicht von Gleichstellung zwischen Frauen und Männern gesprochen werden. Die Autorin beschreibt hier am Beispiel von Pfarrerinnen gleichzeitig die Situation von Frauen in der BRD insgesamt – bis hin in solche Details, dass erst 1955 per Runderlass geregelt wurde, dass auch unverheiratete Frauen mit “Frau” anzureden seien und nicht als “Fräulein”. Oder dass Romy Schneider das Betreten des Hamburger Nobelhotels “Atlantik” verwehrt wurde, weil sie einen Hosenanzug trug…

Ihre mit zahlreichen Bildern und Zeitungsausschnitten belegten Zeitzeugenberichte gehen dabei nicht nur auf Geschlechterfragen ein, sondern vor allem auf wichtige politische Entwicklungen, so z.B. die Debatten um die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie.
Zugleich erläutert sie für konfessionslose Menschen bestimmte wichtige Lehrmeinungen der christlichen Kirche – so die Zwei-Reiche-Lehre von Luther und deren Verständnis durch Karl Barth

Intensiv geht sie immer wieder auf ihr Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit ein – ihr Bestreben die Jugendlichen anzuregen, selbständig zu lernen und denken und das auch in der Gemeinde und in politischen Bewegungen umzusetzen. Schon hier gibt es zahlreiche Auseinandersetzungen mit Personen von althergebrachtem Amtsverständnis, dieses eskaliert angesichts ihres Engagements gegen den bundesrepublikanischen Radikalenerlass, gegen den Vietnamkrieg etc. und führt letztendlich zunächst zur Beurlaubung, dann Entlassung und Berufsverbot. Sie belegt anschaulich, wie die christliche Kirche mit politischen Gegnern umging (und geht() – nicht nur an Hand ihrer, sondern auch weiterer Biografien. Folgerichtig sind die letzten beiden Kapitel des Buches ihrem Austritt aus der Kirche und dem beruflichen und politischem Leben “danach” gewidmet.

Das Buch ist sowohl ein zeitgeschichtliches Dokument, als auch eine spannende Lektüre für LeserInnen, die die 50er bis 70er Jahre nicht aus eigenem Erleben kennen und sich hier durch diese Lebensgeschichte ein Bild “aus einer anderen Zeit” machen können – dies gilt insbesondere für LeserInnen aus den neuen Bundesländern wie die Rezensentin, für die einiges wahrscheinlich noch anachronistischer erscheint, als für Menschen die schon in der alten BRD gelebt haben – oder auch nicht angesichts einiger aktuellen Entwicklungen?

Edda Lechner Jesus – Marx – und ich. Wege im Wandel. Eine Achtundsechzigerin in der Kirche. Lit Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-643-14197-2, 419 S.

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