Evangelikale transatlantische Netzwerke zur Produktion von Feindbildern

Rezension

Sie tragen unscheinbare meist harmlos oder gar fortschrittlich klingende Namen und üben Einfluss aus auf Politik, Medien und internationale Institutionen wie OSZE und UNO. Gemeint sind islamfeindliche Netzwerke, die Oliver Wäckerlig in seiner Arbeit „Vernetzte Islamfeindlichkeit – Die transatlantische Bewegung gegen »Islamisierung«.“ erforschte. Diese erschien beim transcript-Verlag und kann auf dessen Website auch als eBook kostenfrei heruntergeladen werden. Der Schweizer Soziologe und Religionswissenschaftler untersucht darin Akteure, Events und Medien auf deren Funktion und Position in islamfeindlichen, rechtsextremen Netzwerken.

Welche Reichweite diese Netzwerke haben beschreibt er an vielen Beispielen. So identifizierte er Christine Brim, „die mindestens bis 2011 Chief Operating Officer am Center for Security Policy (CSP), einem gut dotierten antiislamischen Thinktank in Washington, D.C., der Politikern wie Michele Bachmann von der republikanischen Tea-Party-Bewegung oder Donald Trump als Quelle für antimuslimische Statements diente.“

Er berichtet ferner, dass die „European Freedom Initiative (EFI) eine Kundgebung in Amsterdam zur Unterstützung des Politikers Geert Wilders, der damals wegen islamfeindlichen Äußerungen vor Gericht stand“ veranstaltete. Die EFI vereint unter anderem die ICLA (selbsterklärte Menschenrechtsorganisation International Civil Liberties Alliance, die Bürgerbewegung Pax Europa, die „Die an mehreren Veranstaltungen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu Menschenrechtsfragen teilgenommen“ hat) , Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) oder den Blog PI-News, aber vor allem die Defence Leagues.

Doch es würde hier zu weit führen, dieses weitverästelte Netzwerk auf zu zählen und die internationalen Verbindungen zu AfD, UKIP, der British Freedom Party, Schwedendemokraten und Pegida zu beschreiben. Der Autor hat jene 970 aus 2699 Beteiligten analysiert, die mindestens an zwei der erhobenen 382 Events teilgenommen hatten, davon wurden 661 einer näheren Einzelfallrecherche unterzogen, die folgendes Ergebnis ergab:

„Im Durchschnitt sind die 661 genauer untersuchten Beteiligten im Jahre 2014 59 Jahre alt (von 21-98 Jahre), 17 Prozent davon sind weiblich. Gut die Hälfte der Akteure stammt aus Deutschland (36 Prozent), der Schweiz (14 Prozent) und Österreich (4 Prozent). Außerhalb des deutschsprachigen Raumes bilden die Beteiligten aus den USA mit 24 Prozent die größte Gruppe. Es folgen Israel (5 Prozent) und Großbritannien (4 Prozent). Auf einen jeweiligen Anteil von 1-2 Prozent kommen noch die Akteure aus Dänemark, Kanada, Frankreich, Belgien, Niederlande und Italien. Zusammengefasst sind die Beteiligten zu 54 Prozent deutschsprachigen Länder (D,CH, AUT) zuzuordnen, 30 Prozent angelsächsischen Länder (USA, CA,GB, AUS, NZ), 5 Prozent Israel, 3 Prozent Skandinavien, 3 Prozent den Niederlanden und Belgien und 3 Prozent lateinischen Länder (F, IT, ES). Konferenzsprachen waren hauptsächlich Deutsch und/oder Englisch.

Akteure mit parteipolitischer Funktion oder einem politischen Amt machen 20 Prozent aus, 7 Prozent sind ‚islamkritische‘ Blogger. In Bezug auf Islam gelten 8 Prozent als religiöse Experten, da sie etwa als Pfarrer auftreten oder so vorgestellt werden. 7 Prozent treten als Sicherheits-Experten (z.B. als Politikwissenschaftler,Geheimdienst- oder Terrorismus-Spezialisten) und 5 Prozent als kulturwissenschaftliche Experten (z.B. als Orientalisten, Islam- und Religionswissenschaftler oder Historiker) auf.

54 Prozent der Beteiligten sind christlichen Konfessionen zuzuordnen, 14 Prozent sind jüdisch und 2 Prozent jüdisch-messianisch. 15 Prozent der Beteiligten haben eine religiöse Funktion beziehungsweise ein Amt inne, daneben sind 5 Prozent explizit atheistisch beziehungsweise konfessionslos. Weniger als je 1 Prozent im Sample stellen muslimische, hinduistische und buddhistische Akteure, während dem übrigen Viertel keine (a)religiöse Affinität zugeschrieben werden kann. Unter allen 661 Untersuchten sind 9,5 Prozent Diaspora-Christen (z.B. Kopten oder Aramäer in Europa oder in den USA) und je 2 Prozent ostentativ areligiöse ‚Ex-Muslime‘ sowie zum Christentum konvertierte Muslime, die in der Regel zum (charismatischen) Evangelikalismus gefunden haben.“

Als Organisationen in diesem Netzwerk wurden folgende als zentral herausgearbeitet: „Nach Betweenness-Werten absteigend sind folgende zwanzig Organisationen in zentraler Position im transatlantischen Netzwerk: Bürgerbewegung Pax Europa (BPE), Christian Solidarity International (CSI), Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Gatestone Institute (GI), Stop Islamization of Nations (SION), Jerusalem Summit (JS), Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), International Free Press Society (IFPS), Egerkinger Komitee (EKom), Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften (IKBG), Europäische Arbeitsgemeinschaft Mut zur Ethik (MzE), Hudson Institute (HI), International Institute for Religious Freedom (IIRF), German Defence League (GDL), Deutsche Evangelische Allianz (DEA), Foundation for Defense of Democracies (FDD), Arbeitsgemeinschaft Israel-Werke Schweiz (IWS), Identitäre Bewegung (IB), Pro Life (PL) und Zukunft Europa (ZEU).“

Das Mediennetzwerk wird von Wäckerlig so beschrieben:

„Sowohl bei den Betweenness-, als auch bei den Degree-Werten sind Europe-News und PI-News an erster und zweiter Stelle zu finden. Beide Blogs sind dem Counterjihad zuzuordnen. In der Betweenness-Reihenfolge erscheinen danach die Junge Freiheit, Der Fels (Das Sprachrohr des Forums Deutscher Katholiken (FDK), Die Welt, Schweizerzeit, Gates of Vienna, Die Zeit, NZZ, Achse des Guten und kath.net.

Im dritten Teil der Arbeit werden die Event-, Akteurs-, Medien- und Organisationsnetzwerke näher beschrieben und die Arbeit der Netzwerke analysiert. So wird der Stratege Ned May zitiert, der an der Counterjihad-Konferenz im Mai 2008 in Wien zu “Distributed Emergence: Networking the Counterjihad” referierte „über die Bedeutung und Funktion von Netzwerkstrategien: Dezentrale Netzwerke hätten keinen Glamour und würden keine Stars hervorbringen, seien aber effektiv. Die hergestellten Kontakte würden Vertrauen schaffen und koordinierte Aktionen ermöglichen. ‚Weiter beschreibt Ned May seine Broker-Rolle so:

Ich verbringe jeden Morgen mehrere Stunden damit, meine E-Mails zu lesen und, darauf basierend, Netzwerkbeschleunigung zu bewirken. Meine Kontaktleute und Tippgeber senden mir Nachrichten und Informationen aus der ganzen Welt, vor allem aus Europa. Was ich für wichtig halte, schicke ich an jene, von denen ich glaube, dass sie es brauchen, und versuche, die Neuigkeiten so weit und so effektiv wie möglich zu streuen. […] Die Funktion eines dezentralen Netzwerks besteht darin, solche Gruppen miteinander zu verbinden, sie gegenseitig von ihrer Existenz zu informieren, als Nervensystem zu fungieren, das die Signale in beide Richtungen überträgt. Wenn ich z. B. herausfinde, dass heute etwas Wichtiges in Schweden passiert, verbreite ich diese Information. Das Bloggen ist dabei nur ein Teil der Arbeit, das Kommunikationsmedium kann alles Mögliche sein – Telefon, Instant Messenger, E-Mail, Skype, Brieftaube – Hauptsache, die Nachricht geht so schnell wie möglich durch das Netzwerk.‘

May hält auch ein gewisses Maß an Überschneidung von Netzwerken für wünschenswert, da er in einem Netzwerk etwa Übersetzungen aus europäischen Sprachen organisiert, und sich in einem anderen für gesetzgeberische Initiativen einsetzt. Die Komplexität dürfe jedoch nicht zu groß werden, da sonst die Reaktionsgeschwindigkeit des Netzwerks herabgesetzt werde und man durch eine zunehmend vertikale Organisationsstruktur Gefahr laufe, dass das Netzwerk durch die Ausschaltung eines Knotens lahmgelegt werde.“

Nicht nur die aktuelle Arbeit sondern auch die Geschichte dieses Netzwerks ist zum Verständnis dieses Netzwerks aufschlussreich. „Die zumeist protestantischen Organisationen entstanden in einem kirchlichen Umfeld, das in Bewegungwar. Der Evangelikalismus schuf ebenfalls neue organisatorische Strukturen, eigene Medien und Ausbildungsstätten. Durch ihren stark politischen Fokus sind diese Organisationen konfessionsübergreifend ausgerichtet, da die politischen Ziele keine Übereinstimmung der Lehren erfordern. Im Zentrum steht im Folgenden die ökumenische Bekenntnisbewegung, die sich gegen den Weltkirchenrat positionierte und für das südafrikanische christliche Apartheidsregime einstand. Die Bekenntnisbewegung setzt sich für die Mission und später auch gegen den Islam ein. Am Beispiel der politischen Unterstützung des Apartheidsregimes wird ersichtlich, wie eng die antikommunistischen christlichen Organisationen in den westlichen Antikommunismus eingebunden waren.“

Wer mehr erfahren möchte, sollte sich durch die 390 Seiten dieser wissenschaftlichen Arbeit kämpfen. Wer den methodischen Hintergrund der gewählten Netzwerkanalyse überspringen möchte, sollte sich allerdings trotzdem den holprigen Teil II, der mit „Kern und Peripherie des Netzwerks gegen ‚Islamisierung‘“ überschrieben ist, durchlesen, um einen von den zentralen Knoten und der Strategie dieser rechtsextremen Netzwerke und deren Arbeitsteilung zu gewinnen. Der letzte und umfassendste Teil III der Arbeit ist dann wesentlich einfacher und eingängiger und trägt den Titel: „Ursprünge, Entwicklungen und Transformationen“ und beginnt auf Seite 91.


Vernetzte Islamfeindlichkeit

Die transatlantische Bewegung gegen »Islamisierung«. Events – Organisationen – Medien
2019-10-31, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8376-4973-4
44,99 Euro

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