Viola Schubert-Lehnhardt: Rezension: Deutschland ist eins: vieles.

 

Deutschland ist eins: vieles. Bilanz und Perspektiven von Transformation und Vereinigung. Campus Verlag Frankfurt a. M., 2021, ISBN 978-3-593-51436-9, 550 S.

Dieses im Auftrag der von der Bundesregierung 2019 berufenen Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ herausgegebene Buch enthält 5 Studien, die gleichfalls von dieser Kommission initiiert worden sind. Ausgangspunkt war die Erfahrung, dass schon bei den Einheitsfeierlichkeiten 2016 festgestellt wurde, dass im „Osten offenbar nicht alle die deutsche Einheit als Erfolgsgeschichte verstehen und erzählen wollen“ (S. 16). Wieso der damalige Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie im Vorwort erwähnt, dies erst 2016 bemerkt haben wollen, ist mir schleierhaft…

Nun denn, jedenfalls war es Anlass eine 22 köpfige Kommission aus PolitikerInnen und Sachverständigen zu berufen, die den Auftrag bekam, „in kritischer Reflexion und Bewertung des bisherigen Transformations- und Vereinigungsprozesses Handlungsempfehlungen zur weiteren Gestaltung der deutschen Einheit, insbesondere unter der Prämisse der Schaffung ´gleichwertiger Lebensverhältnisse´… zu erarbeiten“ (ebd.).

Bevor die 5 Studien im Buch vorgestellt werden gibt es ein einleitendes Kapitel zur Forschungsweise und bisherigen Ergebnissen von Transformationsforschung, bzw. offenen methodischen Fragen. U.a. spielt hier die Klärung von Zuschreibungen eine besondere Rolle, wer eigentlich ostdeutsch sei: „Wie alt durfte jemand sein, um weiter Ostdeutsche oder Ostdeutscher zu bleiben oder umgekehrt, sich zum Westdeutschen zu entwickeln?“ (S. 17). Diese Problematik verweist auf die besonderen Schwierigkeiten einschlägiger Untersuchungen und Wertungen. Auch sei zu berücksichtigen, dass es ein homogenes Ostdeutschland nie gegeben habe, so wenig wie einen einheitlichen westdeutschen Wirtschafts- Sozial- und Kulturraum (s. S. 27). Korrekt wird bei der Übersicht zu vorhandenen Transformationsstudien deutlich darauf verwiesen, dass diese überwiegend von westdeutschen WissenschaftlerInnen vorgenommen wurden. Eigenartigerweise fehlt in den Untersuchungen jedoch weitestgehend der Aspekt der systematischen Abwicklung ostdeutscher WissenschaftlerInnen und Zerschlagung ostdeutscher Institutionen. Ebenso fehlen Forschungsansätze zu Kooperationen mit den anderen ehemals sozialistischen Staaten und deren Einflüsse auf Lebenswege von DDR-BürgerInnen bzw. auf politische Entscheidungen der DDR-Regierung. Zum Beispiel haben über 17.000 Menschen in der Sowjetunion studiert; weder spielen deren besonders geprägte Biografien noch die sich daraus ergebenden spezifischen Möglichkeiten für erfolgreiche weitere Erwerbsbiografien nach der Wende eine Rolle.

Ein ebenfalls methodischer Hinweis bezieht sich auf die unterschiedliche Wahrnehmung dieser Prozesse durch die verschiedenen Generationen bzw. Geschlechter. Zu letzterem Gesichtspunkt wird eingeschätzt, dass dies der einzigste Aspekt sei, wo eine „Veröstlichung des Westens“ stattgefunden habe: Vorstellungen zum Verhältnis der Geschlechter. Hier „durchlaufe der Westen eine nachholende Modernisierung“ (s. S. 204).

Statt der häufig anzutreffenden Vorstellung eines einheitlichen „ostdeutschen Kollektivs“ (das angeblich die SED geschaffen habe) schlagen die AutorInnen die Verwendung des Begriffs „ostdeutscher Erfahrungsraum“ vor (S. 335ff). Dies erlaube darüber zu verhandeln, „was alles Osten ist, welche Vielgestaltigkeit bei geteilter Geschichte ihm eingeschrieben ist“ anstatt darüber zu befinden „wer dazu gehört und wer nicht, wer Schuld hat und wer nicht“ (S. 337).

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Fragestellung „unter welchen Einflüssen, Umständen und (enttäuschten) Erwartungen sich trotz der verbreiteten Aufbruchstimmung wie der wechselseitigen Sympathiebekundungen, die in beiden Teilen Deutschlands nach dem Mauerfall im ganzen Land deutlich zu spüren waren, sukzessive eben doch (wieder) eine ostdeutsche von einer westdeutschen Identität abgrenzt hat“ (S. 364-365).

Alle 5 Studien enden mit Handlungsempfehlungen und Verweisen auf weitere Forschungsfragen – so z.B. den Mangel an quantitativen Studien, fehlende Untersuchungen zu Alltags- und Gesellschaftsgeschichte, sowie die Verortung in Bezug auf andere Länder du Regionen. Hier lassen sich dann vielleicht auch Analysen zur abnehmenden Kirchenzugehörigkeit in den neuen Bundesländern finden (prognostiziert wurde 1990 das Gegenteil), in den vorliegenden Untersuchen fehlt dieser Aspekt ebenfalls noch.

 

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