Viola Schubert-Lehnhardt Rezension: Die Selbstgerechten

Sarah Wagenknecht Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt Campus Verlag Berlin/New York 2021, ISBN 978-3-593-51390-4, 345 S.

Wie schreibt frau eine Rezension zu einem Buch, dass schon vor seiner Auslieferung an den Buchhandel quer durch alle Medien verrissen wurde? Lohnt sich das Lesen überhaupt? Zumindest die Antwort auf die letzte Frage ist für DDR-sozialisierte Menschen einfach – nichts ist so interessant wie das, was man nicht lesen soll bzw. das, was von den Leitmedien abgelehnt wird. Und ich habe mich noch an folgendes Bonmot erinnert „Am Helm eines guten Genossen stammen auch einige Beulen vom Feind“. Also: let´s go!

Doch noch eine Bemerkung vorneweg: es soll hier nicht darum gehen bzw. braucht nicht wiederholt zu werden, was andernorts ausgiebig und teilweise genüsslich kritisiert worden ist. Lassen Sie uns statt dessen gemeinsam schauen, welche fundamentalen Fragen Sarah Wagenknecht aufwirft, denn in der Wissenschaft gilt, dass die Frage immer wichtiger als eine auf sie gegebene Antwort (Aaron Antonovsky).
Drei zentrale Fragen stehen für sie im Mittelpunkt ihrer Überlegungen:

  • Was wurde früher und was wird heute unter dem Begriff des Linksseins verstanden?
  • Wie kam es, dass sich die sozialdemokratischen und linken Parteien der Arbeiterschaft und der „klassischen“ Mittelschicht entfremdet haben?
  • und wie könnte diese Entfremdung überwunden werden?

Um diese Kernthemen ranken sich zahlreiche Detailfragen – so z.B. „Woher kommt die Feindseligkeit, die unsere Gesellschaft mittlerweile bei fast jedem großem und wichtigen Thema spaltet?“ (S. 11). Sarah Wagenknecht sieht das Verbleiben in der „Filterblase des eigenen Milieus“ als eine wesentliche Ursache und den Abbau von Spaltung und Angst als Lösungsweg.

Dem Aufwerfen o.g. Fragen geht eine fundierte Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte voraus, insbesondere der Auswirkungen von Globalisierung, Technisierung und Digitalisierung sowie Osterweiterung der EU. Dies alleine reiche jedoch zur Erklärung des Verlusts von gesellschaftlichem Zusammenhalt und Solidarität nicht aus – hinzu komme noch ein dritter Faktor – die wirtschaftsliberale Reformagenda (s. S. 69ff). Eine der weiterhin bisher noch wenig diskutierten Auswirkungen sei die „Abschottung nach unten“, d.h. „der Fahrstuhl nach oben (durch ein abgeschlossenes Hochschulstudium – SL) funktioniere nicht mehr“ (S. 86), vielmehr komme es wieder zur klassischen Weitergabe von Bildungsprivilegien. Diese Untersuchung der Abschottung sozialer Strukturen setzt sie bei den Abgeordneten des deutschen Bundestages fort: „Die untere Hälfte der Bevölkerung ist aus dem Parlament nahezu komplett verschwunden“ (S. 110). Und Herkunft bestimme schließlich auch das Abstimmungsverhalten. „Diversity Rummel mit seinen frohen Botschaften von Buntheit, Vielfalt, Offenheit und Liberalität (würde diese Entwicklung) wirkungsvoll verschleiern“ (S. 112). Hieran schließt sich ihre Kritik der einer grenzenlosen Einwanderungsgesellschaft an – „Wo jeder hinzukommen kann, gibt es kein Miteinander und auch keine besondere Hilfe füreinander. Und zwar aus einem ganz praktischen Grund: Jedes echte Solidarsystem muss die Zahl der Einzahler und Empfänger in einer gewissen Balance halten, um nicht zusammenzubrechen“ (S. 129ff). Logischerweise folgt aus diesen Überlegungen ihre Forderung nach handlungsfähigen Nationalstaaten und in bestimmten Umfang nach De-Globalisierung.

Abschließend erwähnenswert ist (im Sinne der zweiten o.g. Frage) ihre Einschätzung, warum die AfD eine so breite Wählerschaft gerade auch aus den sog. unteren Milieus hat, obwohl sie „im Bundestag regelmäßig gegen eine Erhöhung von Hartz IV, gegen höhere Mindestlöhne oder gegen eine wirksame Deckelung der Mieten“ stimmt (S. 179). Protest als Wahlmotiv reiche hier zur Erklärung ebenso wenig aus, wie die Negierung von Konkurrenz um Wohnraum und soziale Leistungen. Es gelte: Wer die „Zuwanderungsdebatte in eine Debatte um moralische Haltungsfragen“ umdeute, sei für viele Menschen unwählbar (S. 180).

Unwählbar ist jedoch keinesfalls dieses Buch – im Gegenteil, es ist eine notwendige Lektüre gerade angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen.

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